Millionen Stromkunden zahlen für 250 Großkonzerne
Energie Verbraucherschützer kritisieren neue Industrieumlage – Volumen von 440 Millionen Euro
Oldenburg - Für viele Stromkunden hat 2012 genauso begonnen wie 2011 – mit einer Strompreiserhöhung. Schon zum Jahreswechsel hatten nach Angaben des Portals „Toptarif“ 144 Stromkonzerne ab Januar oder Februar höhere Preise angekündigt. Auch die Oldenburger EWE gab jetzt bekannt, den Strompreis zum 1. März um rund drei Prozent anheben zu wollen.
Als ein Argument für die Erhöhungen wird von den Versorgern eine Änderung der Stromnetzentgeltverordnung, die sogenannte Industrieumlage, genannt. Nach dieser neuen Regelung konnten sich stromintensive Großverbraucher, die mindestens 7000 Benutzungsstunden und 10 Gigawattstunden Stromverbrauch im Jahr aufweisen, jetzt auf Antrag vollständig von den Netzentgelten befreien lassen. Da die Bundesnetzagentur den Netzbetreibern feste Einnahmen garantiert, werden die erwarteten Mindereinnahmen auf alle „kleinen“ Stromkunden, also die Millionen Privathaushalte und kleine und mittlere Unternehmen umgelegt.
Wie ein Sprecher der Bundesnetzagentur am Dienstag auf Anfrage mitteilte, hätten bis zum Jahresende „mehr als 250“ Strom-Großkunden, wie Aluminium- und Stahlhütten, Papier- und Zementhersteller oder große Rechenzentren eine vollständige Befreiung beantragt. Das sind weit mehr als von den Energieintensiven Industrien in Deutschland (EID) prognostiziert. Der Branchenverbund war Ende November nur von „etwa 20 Unternehmen“ ausgegangen. Allein im Netzgebiet der EWE seien „etwa zehn“ Unternehmen betroffen, wie ein Sprecher des Oldenburger Versorgers sagte.
Für 2012 rechnet die Bundesnetzagentur mit einer Umlagesumme von rund 440 Millionen Euro. Für alle „kleinen“ Stromkunden bedeutet dies ein zusätzliches Netzentgelt von 0,151 Cent pro Kilowattstunde. Nach Berechnungen von Portalen wie „Toptarif“ und „Verivox“ kommen so auf einen Durchschnittshaushalt Mehrkosten von etwa sieben Euro pro Jahr zu.
Verbraucherschützer kritisieren die Umlage scharf. „Es erscheint mir absurd. Wenn sie das übertragen, dann würde ja praktisch ein Lkw, der besonders viel auf der Autobahn fährt, von der Lkw-Maut befreit werden“, sagt Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Der Bund der Energieverbraucher, ein Zusammenschluss von privaten und kleingewerblichen Verbrauchern, hat gegen die Umlage Beschwerde bei der EU-Kommission eingelegt.
Kritik kommt auch aus der Energiewirtschaft selbst. „Es ist nicht einzusehen, dass Kleinverbraucher den Strom für die Industrie subventionieren müssen“, sagt Manfred Meinen, Geschäftsführer des Wangerländer Versorgers „Friesenenergie“, dieser Zeitung. Der kommunale Versorger kündigte an, die Umlage nicht von seinen Kunden einzuziehen, sondern sie aus den Gewinnen zu finanzieren.
Kein Verständnis für die Kritik hat man dagegen bei den energieintensiven Industrien. „Die Großabnehmer sorgen durch ihren gleichmäßigen Strombezug über das ganze Jahr für eine gleichmäßige Belastung der Netze“, heißt es bei EID. „Damit tragen sie erheblich zur Netzstabilität bei und haben so sogar eine kostendämpfende Wirkung auf die Netznutzung, von der alle Stromnutzer profitieren.“
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