Insel-Alltag in frostiger Zeit
Wetter Wangerooge wird seit einer Woche aus der Luft versorgt – „Keine Versorgungsengpässe“
von Karsten Krogmann
Wangerooge - Die Fahrplanänderung gab die Deutsche Bahn AG wie immer auf rotweißem Firmenpapier bekannt: „Ab Donnerstag, 2. Februar, wird wegen Eisgangs der Fährverkehr von Harle zur Insel Wangerooge bis auf Weiteres eingestellt.“
1350 Einwohner
Eine Woche später sitzt Holger Kohls, 63 Jahre alt und seit 15 Jahren Inselbürgermeister, im Trauzimmer der Gemeinde und isst Kekse. Er lacht: Gerade eben hat wieder jemand vom Fernsehen angerufen, „die wollten wissen, ob ich gar keine Angst habe“. Nein, hat Kohls einmal mehr geantwortet: Ich habe keine Angst, und ich bin auch gar nicht von der Außenwelt abgeschnitten.
Der Bürgermeister blickt aus dem Fenster: Vor ihm liegt die schneebedeckte Oberpromenade, Menschen sieht man keine, hinten auf See lauern wie immer ein paar Containerfrachter auf Reede. „Wir sind hier sehr entspannt“, sagt Kohls: „Es ist doch schön auf der Insel um diese Zeit.“
Entspannt heißt nicht untätig: Als ihn die Nachricht erreichte, dass die Fähren im Eis feststecken, hat der Bürgermeister schnell Ordnungsamtsleiter Dirk Lindner zu den örtlichen Einzelhändlern geschickt. „Versorgungslage checken“, nennt Kohls das. Lindner checkte und meldete: Die Versorgungslage ist gut, lediglich Tiernahrung ist ein bisschen knapp.
1350 Einwohner leben auf Wangerooge, dazu kommen 400 bis 500 Winterurlauber. Sie decken ihren täglichen Bedarf in den beiden Inselsupermärkten. Im ersten steht Edeka-Händler Rüdiger Mann, 52 Jahre alt, zwischen zwei Regalen mit Konservenbüchsen und fragt grinsend: „Sieht so etwa der Notstand aus?“
Na gut, gibt er zu, im Kühlregal zwei Schritte weiter gibt es beim SB-Fleisch zwar ein paar Lücken im Sortiment. „Aber ich lasse mir täglich 100 Kilo Frischware vom Festland herfliegen“, sagt Mann, Obst, Milch, Eier, Brot. „Das reicht, jetzt ist doch eine sehr ruhige Zeit auf der Insel.“
An der Kasse ruft eine Kundin: „Auf solche Situationen sind wir auf der Insel doch vorbereitet! Meine Kühltruhe ist immer voll – sogar Schokolade habe ich genug!“
Ärgerliche Steuer
Eine Ladentür weiter, im Spar-Markt, geht Inhaber Ralf Lammers allerdings lieber auf Nummer sicher. Acht Tonnen Frischware hat er in den vergangenen Tagen einfliegen lassen, auch jetzt ist der Chef gerade wieder auf dem Festland. Der Aufwand hat Folgen: „Wir mussten die Preise anheben“, berichtet Mandy Fank, „auf jeden Einkauf werden nun pauschal 15 Prozent aufgeschlagen.“ An der Ladentür bitten rotschwarze Schilder die Kunden um Verständnis.
Die Inselflieger von der Luftverkehr Friesland-Harle (LFH) haben ihre Flugfrequenz mittlerweile verdreifacht. Sogar in der Mittagspause wird jetzt geflogen, „da muss man in so einer Situation ein Auge zudrücken“, findet Bürgermeister Holger Kohls. Obst für die Supermärkte, Farbe für die Maler, Keramik für die Fliesenleger – alles musste in den vergangenen Tagen per Flugzeug zur Insel geschafft werden, 60 Cent kostet der Transport pro Kilo. „Aber eine goldene Nase verdienen wir uns damit nicht“, sagt Jan-Lüppen Brunzema, der LFH-Geschäftsführer: „So ein Flugzeug belädt sich nicht selbst, wir brauchen Personal zum Be- und Entladen, wir brauchen zusätzliche Piloten.“ Dazu komme, dass die Flieger nach den Frachtflügen leer zurückflögen, „da sind Passagiertransporte lukrativer“. Nein, sagt Brunzema, an der Eiszeit verdiene derzeit nur einer: der Staat. Seit Anfang 2011 wird nämlich pro Person und Flug eine Luftverkehrssteuer von 10 Euro fällig.
Viele Stornierungen
Apropos Passagiertransport: Jeder Feriengast kommt auf die Insel und auch wieder zurück. „Für den Flug müssen sie zwar etwas mehr bezahlen als für die Fähre“, weiß Frank Jacobi, Direktor der Upstalsboom-Hotels an der Strandpromenade, „aber die Gäste haben dafür Verständnis: Sie sind froh, dass sie trotz des Eises hin- und zurückkommen.“
Jacobi, 39 Jahre alt und seit einem Jahr auf der Insel, richtet sich in seinem Lobby-Sessel auf. „Aber eines ärgert mich: Manche Medien tun so, als sei das hier ein Katastrophengebiet! Das verunsichert die Urlauber, wir haben hier viele Stornierungen!“
Er zeigt nach draußen auf die eisgraue See: „Schauen Sie, das ist doch ein wunderbares Naturschauspiel, das wir hier erleben dürfen.“
Feiner Schnee schmückt die Inseldünen, Richtung Festland liegt ein weißgrauer Deckel auf der Nordsee. Da hinten im Hafen von Harlesiel kleben die Schiffe im Eis.
„So was habe ich in meinen 15 Jahren noch nicht erlebt“, sagt Bürgermeister Kohls im Trauzimmer, und neben ihm rechnet nun auch sein Stellvertreter Wilhelm Janssen nach, er ist 61 Jahre alt und seit 25 Jahren auf der Insel: „Ich kann mich an eine einzige ähnliche Eiszeit erinnern.“ Kohls nimmt sich noch ein paar Kekse, „wir können es ja nicht ändern“, sagt der Bürgermeister.
Gute Nachrichten
Er hat sich die Wetterprognosen angeschaut, es soll vorerst frostig bleiben. Das bereitet ihm Sorgen, aber nicht wegen der Versorgungslage, sondern wegen der Saisonvorbereitung: „Alle unsere Baumaßnahmen liegen auf Eis“, klagt er, zum Beispiel die Kanalsanierung an der Zedeliusstraße, 350 000 Euro teuer. „Das ist für eine Insel blöd: Bis Ostern, wenn die Touristen kommen, müssen wir mit allem fertig sein.“ Den Strand aufschütten müssen sie auch noch, ergänzt Wilhelm Janssen; 60 000 Kubikmeter Sand sollen vom Inselosten zum Inselnorden gefahren werden.
„Aber unser Alltag geht weiter“, sagt Kohls: Morgen stellt sich ein Schwimmmeister für die Sommersaison vor. Er muss zwar den Flieger nehmen – aber er kommt.
Kohls erreicht eine neue Nachricht der Deutschen Bahn: Das Wangerooger Fährschiff „Harlingerland“ hat trotz Eisgang den Ausweichhafen Hooksiel erreicht. Am Donnerstag soll es zurückfahren nach Wangerooge, mit mehreren Containern Lebensmitteln, Tiernahrung und anderen Waren an Bord.
@ Ein Spezial unter http://www.NWZonline.de/winter NWZTV zeigt einen Beitrag unter http://www.NWZonline.de/tv
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