„Bald unter Top Ten in Nordwesteuropa“
Restaurierung Orgelbauer Henk van Eeken: „Einmalige Chance, . . . . . . ursprüngliches Klangkonzept von Christian Vater wieder herzustellen“
Noch in großen Teilen im Original erhalten ist die Christian-Vater-Orgel in der Wiefelsteder St. Johannes-Kirche, der ältesten Kirche im Ammerland. Sie wird restauriert BILD: claus stölting 
von Claus Stölting
Wiefelstede - „Nach der Restaurierung wird die Wiefelsteder Christian-Vater-Orgel auch klanglich zu den Top Ten in ganz Nordwesteuropa gehören“, ist Orgelbauer Henk van Eeken aus dem niederländischen Herwijnen überzeugt. Und in Nordwesteuropa gibt es tausende Orgeln. Gerade misst van Eeken per Ultraschall im Kirchenbüro in Wiefelstede die Wandstärke einiger Orgelpfeifen. Gut 600 der insgesamt 972 Pfeifen der Orgel müssen neu gegossen werden. So soll dem Anspruch auch der Kirchengemeinde, die zum Großteil noch im Original erhaltene Orgel bei der Restaurierung so nah wie möglich an ihren einstigen Zustand heranzuführen, Genüge getan werden.
Spezielles Gießverfahren
Das Problem: Die aktuellen 600 Pfeifen sind nicht die, die einst Christian Vater in den Jahren 1729 bis 1731 in die Orgel eingebaut hatte. Bereits 1862 wurden 600 Pfeifen ausgetauscht, um die Orgel dem damaligen Musikgeschmack anzupassen, weiß Henk van Eeken. 1935 und noch einmal 1982 hatte man dann versucht, die originalen Klangfarben wieder herzustellen, was vor allem 1982 wenig geglückt war – zumal dabei industriell gefertigte Pfeifen zum Einsatz kamen.
Van Eeken wendet bei der jetzigen Restaurierung in seiner Werkstatt in Herwijnen – das liegt etwa 30 Kilometer südlich von Utrecht – ein spezielles Gießverfahren an. Es wurde an der Universität im schwedischen Göteborg wissenschaftlich rekonstruiert und kommt dem Verfahren, das auch Christian Vater (siehe Infokasten) einst anwendete, so nahe wie möglich. Auch das Material, das van Eeken für die Pfeifenbleche verwendet, wurde dem Original nachempfunden, das es so nicht mehr gibt.
„Verändern den Klang“
Denn das Zinn, das für die benötigte Blei-Zinn-Mischung früher verwendet wurde, kann so in England nicht mehr abgebaut werden. Van Eeken: „Die Minen sind längst erschöpft.“ Das so genannte „Englische Zinn“ und auch das Blei, das damals für die Pfeifen verwendet wurde, enthielten jeweils etwa 0,2 Prozent Spurenelemente anderer Metalle wie Kupfer oder Silber, weiß van Eeken.
„Und so gering sich diese Mengen anhören – sie machen Zinn und Blei härter und verändern den Klang der Pfeifen“, sagt der Orgelbauer. Und so bezieht er sein Blei und sein Zinn für die Restaurierung aus Schweden, wo eine Firma die Zusammensetzung der Metalle dem früheren Status anpasst. Gemischt werden Blei und Zinn dann in Herwijnen – im Verhältnis 90 zu 10, sagt van Eeken.
Die Bleche für die Pfeifen werden von Hand auf einem Sandbett gegossen – ein heikles Verfahren, das viel Erfahrung benötigt und bei dem die Bleche schneller abkühlen. Ein Jahr lang müssen die Bleche, die in acht und 16 Fuß Länge gegossen werden, dann aushärten, bevor sie von Hand noch in Feinarbeit auf verschiedene Wandstärken gehobelt werden. Und genau dafür benötigt van Eeken eben die Messwerte der Ultraschallmessung. Je nach Größe der Orgelpfeife misst er die Wandstärke an 15 bis 33 verschiedenen Stellen. Grundsätzlich wird die Wandstärke einer Orgelpfeife von unten vom Fuß nach oben zum Körper immer dünner, was auch beim Gießen bereits berücksichtigt wird. Dennoch muss gehobelt werden, weil die Pfeifen auch vom Erbauer der Orgel noch zusätzlich bearbeitet worden waren. Letztlich: Da die ersten Bleche für die neuen Orgelpfeifen im August 2010 gegossen worden waren, werden im August dieses Jahres die ersten Pfeifen entstehen.
Kosten: 522 000 Euro
Insgesamt sieben Leute arbeiten in Herwijnen an der Restaurierung der Wiefelsteder Orgel, die nach letzten Meldungen eher Ende Juni/Anfang Juli komplett ausgebaut und nach Holland transportiert werden wird, wie van Eeken erklärt. Etwa zwei Jahre wird die Restaurierung dauern, in Wiefelstede soll derweil eine Ersatzorgel spielen.
Denn mit dem Gießen der gut 600 Pfeifen ist es im „ersten Bauabschnitt“ der Restaurierung, der 522 000 Euro kosten wird, noch nicht getan. Auch noch im Original vorhandene Pfeifen müssen restauriert, zudem muss die Windversorgung der Orgel instand gesetzt werden, weiß van Eeken. 1862 wurden zwei der vier Originalbälge ausgetauscht, so dass die beiden anderen restauriert, die ersetzten nach alten Verfahren neu hergestellt werden. Dabei wird wie früher so genannter Hautleim verwendet, weil Holzleim das Blei in den Pfeifen korrodieren lassen würde. Auch die Windkanäle zwischen Bälgen und Windladen müssen erneuert und die Windladen überholt werden, macht van Eeken insgesamt deutlich, warum die Restaurierung der Orgel so teuer ist.
„Organisten auch aus USA“
Um die Orgel aber komplett zu restaurieren, was die Kirchengemeinde anstrebt, werden wohl weitere Gelder nötig sein, die sie bisher noch nicht zusammenhat, wie auch der Vorsitzende des Orgelfördervereins, Dr. Giselher Bechmann, einräumt. Der Wille, es zusammenzutragen, ist aber da. Und dann werden auch einige leicht austauschbare Register, deren Restaurierung bislang nicht in Angriff genommen werden kann, auf Vordermann gebracht werden, ist sich Bechmann sicher.
Henk van Eeken sieht in Wiefelstede die einmalige Chance, künftig eine Christian-Vater-Orgel „ohne Lücken“ im ursprünglichen Klangkonzept hören zu können. Und ist sich ziemlich sicher, dass dann selbst Organisten aus den USA und Japan kommen werden, um darauf zu spielen.
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