WIEFELSTEDE, 2. Februar 2012


Eltern waren sich Gefahr nicht bewusst

Zeitzeuge Helmut Stadtlander erinnert sich an Sturmflut in Nordenham – Seit einigen Jahren Wiefelsteder


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Helmut Stadtlander zeigt ein Foto, auf dem seine Tante und seine Eltern auf den Groden an der Weser zu sehen sind. BILD: Sandra Binkenstein  Bild vergrößern

Während hinterm Deich das Wasser immer weiter stieg, machte seine Mutter in aller Ruhe den Abwasch. Stadtlander evakuierte seine Eltern.

von Sandra Binkenstein

Wiefelstede - Als Kind konnte Helmut Stadtlander vom Schlafzimmerfenster aus über den Weser-Deich gucken – er wohnte mit seinen Eltern in Einswarden, einem Stadtteil von Nordenham (Landkreis Wesermarsch).

Vom Wohnzimmerfenster aus, berichtet der 79-Jährige, habe er über die Wesermündung bis nach Bremerhaven schauen können. Seit einigen Jahren wohnt Helmut Stadtlander in der Kortebrügger Straße in Wiefelstede, aber die Weser hat seine Kindheit geprägt.

„Mein Vater ist 47 Jahre lang mit der Weserfähre von Blexen nach Bremerhaven gefahren“, sagt Stadtlander und richtet sich in seinem Sessel auf. Sein Vater hatte beim Wasser- und Schifffahrtsamt gearbeitet. Helmut Stadtlander hat Tage erlebt, an denen die Weser zufror und andere Tage, an denen die Weser-Fähre abgetrieben war.

Er hat als Kind in den Groden, den Überschwemmungswiesen auf der Wasserseite des Deiches, gespielt. Helmut Stadtlander kennt viele Geschichten von der Weser.

Eine davon handelt von dem Tag, an dem er seine Eltern vor der Sturmflut retten wollte. Fünf Jahre vor der Jahrhundertflut hatte Stadtlander geheiratet und war mit seiner Frau zusammen umgezogen. Die beiden machten sich mit einem Gemischtwarenhandel in Klein Scharrel (Gemeinde Edewecht) selbstständig. Sie arbeiteten hart. Zucker und Mehl wurden per Hand abgewogen und Eier auch einzeln verkauft.

Es war der 16. Februar 1962, Stadtlanders Schwiegervater saß wie so oft in der Küche und hörte Radio. Immer wieder kamen Sturmflutwarnungen. In Klein Scharrel war die Familie sicher, doch Stadtlanders Eltern wohnten immer noch in Einswarden, direkt hinterm Deich. Sein Schwiegervater sei zu ihm in den Laden gekommen und habe gesagt: „Ihr mösst de Ooln holn“ – „Ihr müsst die Eltern holen.“

Also machten sich Helmut Stadtlander und seine Frau mit dem VW Käfer auf den Weg nach Einswaren. Nur mit viel Überzeugungskraft und seinen Ausweispapieren sei es ihm gelungen, die Straßensperren zu passieren. Nordenham war längst zum Sperrgebiet geworden. „Und als wir bei meinen Eltern ankamen, stand meine Mutter am Waschbecken und scheuerte eine Schüssel“, erinnert sich Stadtlander mit einem breiten Lächeln. „Als wäre es gestern gewesen“, sagt der 79-Jährige. Beim Lachen werden seine Augen zu kleinen glänzenden Schlitzen. Sein Vater habe daneben gestanden und beim Abtrocknen geholfen. „Die waren sich der Gefahr gar nicht bewusst“, sagt Stadtlander, seine Augen werden wieder groß. Er und seine Frau konnten Fritz und Berta Stadtlander, die Eltern, überreden, ein paar Sachen zusammen zu packen und mit nach Klein Scharrel zu kommen.

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Auch wenn von den Groden, auf denen Helmut Stadtlander in seiner Kindheit immer gespielt hatte, nichts mehr zu sehen war, der Deich in Einswarden hielt stand. Nordenham war in diesen Tagen nur knapp der absoluten Katastrophe entkommen.

Nach einigen Wochen konnten Fritz und Berta wieder in ihr Haus einziehen.






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