Freude und Schmerz über Erinnerung
ZWEITER WELTKRIEG Hanna Tholen (93) bekommt Gefangenen-Akte ihres verstorbenen Mannes geschenkt
Erinnerung: Hanna Tholen liest gerne in der Akte über ihren Ehemann. Beschafft hat das Dokument Otger Eismann. BILD: CARSTEN BICKSCHLAG 
VON CARSTEN BICKSCHLAG
Friesoythe - Erinnerungen an geliebte Menschen, die dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen, sind rar. Vielleicht ein Brief, eine Urkunde, vielleicht ein altes vergilbtes Foto – mehr meistens nicht. Umso größer war die Freude bei Hanna Tholen, geborene Hilker, aus Schlingshöhe, als sie vor wenigen Wochen zum 93. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk überreicht bekam.
Ein paar Zettel
Es sind zwar nur ein paar Zettel in einem Hefter, doch für die gelernte Hauswirtschafterin ist es viel mehr. Es ist Freude über die Erinnerung und Trauer über einen schmerzlichen Verlust zugleich. Die Rede ist von der alten Akte aus einem Gefangenenlager, die über ihren Ehemann Theodor angefertigt wurde. „Ich lege die Mappe kaum aus der Hand, schaue immer wieder hinein“, sagt die 93-Jährige und blättert in dem Stück Zeitgeschichte herum. Es ist etwas ganz Besonderes, es ist das letzte Lebenszeichen ihres geliebten Mannes.
Am 2. Mai 1945 geriet er in Berlin in russische Gefangenschaft und kam in das Lager Nr. 437/5091, weit entfernt von Zuhause, in einem Dorf names Bogorodskoje, im Niemandsland zwischen dem ehemaligen Leningrad (Sankt Petersburg) und Moskau. Die Gefangenschaft sollte Theodor Tholen nicht überleben. Genau ein Jahr später, am 2. Mai 1946, verstarb er an Typhus. Einziges Dokument aus dieser Zeit ist die Akte, die die Russen damals über den Gefangenen Tholen aus Schlingshöhe angelegt hatten. Herkunft, Lebenslauf, militärische Laufbahn, Einsatzorte während des Krieges – alles wurde akribisch notiert.
„Wir haben leider nicht viel voneinander gehabt“, sagt Hanna Tholen. Man habe sich während des Krieges kaum gesehen. 1944 wurde während eines Heimaturlaubes geheiratet – das letzte Wiedersehen. 1945 kam Tochter Maria zur Welt. Doch von diesem freudigen Ereignis bekam Theodor keine Nachricht mehr. In der Akte heißt es: verheiratet – ja, Kinder – nein.
Ins Deutsche übersetzt
Aufgetrieben hat die russische Lagerakte Otger Eismann. Er wusste von einer neuen Dienststelle in Dresden, die sich um das Schicksal von Kriegsgefangenen kümmert (siehe auch Info-Kasten). Die Akte über Theodor Tholen ließ Eismann dann von Olga Lenz vom Russischen ins Deutsche übersetzen. „Ich bin Herrn Eismann sehr dankbar. Das kann ich gar nicht wieder gut machen“, zeigt sich die 93-Jährige sichtlich gerührt, legt das Dokument wieder vorsichtig weg und sagt: „Da passe ich gut drauf auf.“
Schicksalsklärung
Die Sächsische Stiftung zur Klärung von Kriegs- und Gefangenenschicksalen mit Sitz in Dresden ist eine Dokumentationsstelle, die sich unter anderem mit der Schicksalsklärung von sowjetischen und deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges beschäftigt. Die gewonnenen Erkenntnisse dienen nicht nur Untersuchungen, sondern werden an die Hinterbliebenen weitergegeben, die auf diese Weise Hinweise auf das Schicksal ihrer Angehörigen erhalten.
Mehr Informationen unter www.dokst.de
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