Es strömt mehr Schweiß als Bier
Rollentausch NWZ-Volontär Marius Meyer bedient die Kompanie Kirchstraße
Marius Meyer serviert im Zelt Flaschenbier. Die Versorgung der Kompanie Kirchstraße mit frisch gezapften Bier verlief schwierig. 
von Marius Meyer
Friesoythe - Vor mir flucht meine Chefin. Hinter mir tobt der Saal. Und dazwischen stehe ich, mit einem leeren Tablett in der Hand. Wirtin Marion Arnkens erklärt mir gegen den Lärm aus Gebrüll und wummernden Bässen an: „Die Zapfanlagen sind falsch eingestellt, da kommt nur Schaum raus. Ich kann nicht durchzapfen.“ Deswegen dauere es zu lange. Das finden die rund 300 Schützen hinter mir auch. „Bier her, Bier her, oder ich fall’ um!“ schallt es jetzt durch das Zelt. Ich bin beim Freibier der Kompanie Kirchstraße. Ich habe für einen Morgen meinen Platz in der Friesoyther Redaktion der NWZ gegen den des Kellners im Festzelt beim Getränkehandel Kepa in der Meeschenstraße eingetauscht, in dem das Freibier erstmals stattfindet.
Falls ich auch nur einmal gedacht haben sollte, dass das ein Spaziergang werden würde, dann hätte es mir spätestens jetzt gedämmert, dass das eine falsche Annahme war. Kurz nach 10 Uhr, das Freibier hat kaum begonnen, rinnt schon Schweiß über meine Stirn. In meinem T-Shirt vermischt er sich mit dem Bier, dass ich mir schon nach zehn Minuten darüber gekippt hatte. Es soll nicht mein letztes Missgeschick bleiben. Mehrere Gläser gehen zu Bruch, ich stoße gegen Hinterköpfe oder gieße den Männern Plörre, die auf meinem Tablett schwappt, in den Nacken oder auf die Hose. Die Opfer meiner Unerfahrenheit bleiben gelassen. Ich kassiere kein böses Wort.
„Laden fliegt in die Luft“
Arnkens und ihre Mitarbeiter zapfen an drei Hähnen, aber die Tabletts von uns Kellnern werden nur langsam voller. Hinter der Theke lagern mehrere hundert Liter Bier, das von verschiedenen Personen und Institutionen gestiftet wurde. Die Schützen an den 16 langen Tischen wollen es trinken. Das verraten sogar die T-Shirt. „Ich bin nur wegen dem Bier hier“ steht auf einem, „Buy this man a beer“ („Kaufe diesem Mann ein Bier“) auf einem anderen. Aber wir Kellner können es ihnen immer nur in kleiner Dosis bringen. Eine Kellnerin, deren Namen ich nicht kenne, weil keine Zeit für eine Vorstellung blieb, meint, dass die Situation eskalieren könnte, wenn das Bier nicht bald nicht schneller fließt. Ein paar Minuten später kommt ein Schütze zu uns an die Theke und sagt: „In einer halben Stunde fliegt der Laden in der Luft.“
Manche sind sauer
Vielleicht befürchtet das auch der Veranstalter. Heinrich Pancratz, Hauptmann der Kompanie Kirchstraße, lässt eine weitere Zapfanlage aufbauen. In der Zwischenzeit werden Bierkästen besorgt. Die meisten Schützen nehmen die Nachschubprobleme mit Humor. „Dieses Jahr marschieren wir das erste Mal nüchtern aus“, verkündet ein junger Mann mit Baseball-Cap über das Mikrofon. „Danke dafür, Heidi!“ Das, erfahre ich so, soll der Name meiner Kollegin sein. Sie lacht, nimmt es mit Humor, genauso wie Arnkens hinter der Theke.
Manche Schützen aber sind sauer. Einer, der mitbekommen hat, dass ich für die NWZ arbeite, zieht mich aus dem Zelt, um mir eine Idee vorzustellen. „Mach mal ein Foto von jemandem, der ein Bier in der Hand hat. Und in der Zeitung schreibst du dann drüber: Finden Sie den Fehler.“ Er ist sichtlich wütend.
Zurück im Zelt bin ich voll im Stress. Die Gläser und damit die Tabletts werden inzwischen zwar schneller gefüllt, aber meine Versuche, sie zu den Tischen zu bringen, die mir zugeteilt sind, scheitern. Die stehen hinten im Zelt, aber die Schützen vorne reißen mir die Gläser vom Tablett. Auch die anderen Kellner bedienen nicht mehr ihre Tische wie vorher besprochen, sondern versuchen, das Bier dorthin zu bringen, wo es am längsten kein neues gab – oder wo am lautesten danach geschrien wird.
Schwieriger Fototermin
Zwischendurch soll auch noch ein Foto gemacht werden. Ein Kollege soll den kellnernden NWZ -Volontär ablichten. Wir sprechen ab, dass ich mit einem vollen Tablett an einem Tisch posiere. Das geht schief, da die Feierenden sich sofort die Gläser greifen. Besser klappt es, als ich Bierflaschen verteile.
Sich im Zelt zu bewegen, wird immer schwieriger. Die Gänge sind verstellt, weil immer wieder ein Party-Kracher die Leute von den Stühlen reißt. Auch vor der Theke könne wir Kellner uns kaum noch bewegen. Viele Schützen versuchen, dort Bier abzufangen.
Am Ende gibt es Lob
Langsam entspannt sich die Situation. Die Schützen mosern zwar noch immer darüber, dass das Bier zu langsam fließe, gleichzeitig bleiben aber auf vielen Tischen Gläser stehen, in denen das Getränk schal wird. Wenn ich ein Tablett an einen Tisch liefere, wird schon mal gefrotzelt: „Dich haben wir hier ja schon lange nicht mehr gesehen“ heißt es dann oder „Mann, du bewegst dich ja in Zeitlupe.“ Aber solche Sprüche werden von einem Schulterklopfen und einem Grinsen begleitet. Gegen Ende, um 12 Uhr herum, bekomme ich mehrfach Lob, ich hätte einen guten Job gemacht. Auch die Chefin ist zufrieden. Als ich sie am Ende frage, ob ich im nächsten Jahr wieder arbeiten dürfe, meint sie: „Aber klar!“
Bis dahin werde ich aber erst einmal wieder in der Redaktion arbeiten. Davor muss ich duschen. Und ein Bier genehmige ich mir auch.
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