Opfer haben nun einen Namen
Kriegsgefangene Historiker Frerichs legt Chronik für Bockhorner Lager vor
von Hans Begerow
Bockhorn - Die Leichname waren nachts zum Bockhorner Friedhof geschafft worden. Und im Dunkeln fand auch die Beerdigung der sowjetischen Kriegsgefangenen statt, die ab August 1941 in das Kriegsgefangenenlager Kreyenbrok geschafft worden waren. 23 sowjetische Kriegsgefangene starben zwischen August 1941 und September 1942, elf davon wurden erschossen, wie der Vareler Historiker Holger Frerichs herausgefunden hat. In seinem neuen Buch „Todesursache: Erschossen“ beschreibt er das Schicksal der Kriegsgefangenen und die Geschichte des Bockhorner Lagers Kreyenbrok, wo von 1940 bis 1942 polnische, französische und schließlich russische Kriegsgefangene untergebracht waren (Holger Frerichs, „Todesursache: Erschossen“, Verlag Hermann Lüers, Jever, 96 Seiten im A4-Format, zahlreiche Abbildungen, 14,80 Euro).
Gemeinde unterstützt Buch
Am Dienstag stellte Frerichs das Buch im Bockhorner Rathaus vor. „Ich war ganz schön schockiert und erschüttert über das, was passiert ist“, schilderte Bockhorns Bürgermeister Ewald Spiekermann seine Eindrücke über die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Holger Frerichs. Die Gemeinde sei deshalb auch bereit gewesen, das Buchprojekt zu bezuschussen, sagte Spiekermann. Er dankte dem Autor und allen Beteiligten für die Chronik. Der Autor wiederum bedankte sich bei der Gemeinde sowie bei Pfarrer Harro Kawaletz von der ev.-luth. Kirchengemeinde, Paul Weber vom Heimatring, Margret Hayen, Vorsitzende des Vereins für Heimatgeschichte und Sybille Janz, Landkreis Friesland, sowie dem Nachbarn Erich Wilken, der als Kind das Lager in Kreyenbrok gesehen hatte. Wilken sei als Nachbar des Lagers ein Musterbeispiel für einen präzisen Zeitzeugen, sagte Frerichs. Entscheidend für die Identifizierung von unbekannten Kriegsgefangenen auf dem Bockhorner Friedhof sei wiederum der Historiker Dr. Rolf Keller, Celle, Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten.
Anlass für die Errichtung des Lagers war der Straßenbau. Die Kriegsgefangenen mussten an der Umgehungsstraße arbeiten, die heute die Trasse der Bundesstraße 437 bildet. Vor allem in den Anfangsmonaten waren viele sowjetische Kriegsgefangene zu Tode gekommen, berichtete Frerichs aus seiner Forschungsarbeit. Durch die Recherche gelang es, die Namen von sechs Kriegsgefangenen zu ermitteln, die auf dem Friedhof in Bockhorn bestattet wurden. Oder vielmehr am Rande verscharrt wurden (und nach dem Krieg umgebettet wurden), wie Frerichs herausgefunden hat. „Das bewegendste Ergebnis war, dass wir die sechs identifizieren konnten“, sagte Frerichs. Ihre Namen und möglicherweise die eines siebten Kriegsgefangenen werden auf einen Grabstein eingemeißelt und ergänzen damit die Zahl der steinernen Grabkreuze, die schon jetzt auf dem Friedhof in Bockhorn stehen. Zunächst sollen Schüler der Haupt- und Realschule in einem Projekt Holzkreuze mit den Namen der sechs bekannten Namen herstellen und dort aufstellen.
Verleger Hermann Lüers nannte es begrüßenswert, dass nun bekannt sei, „welche Schicksale sich hinter den schlichten Kreuzen verbergen“.
Schusswaffen aufgesetzt
Ob die Bevölkerung damals von den Vorgängen im Lager zumindest geahnt hat, kann man vermuten. Nach der Bestattung von sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Friedhof, wurde hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass die Toten Schussverletzungen aufgewiesen hatten, schilderte Pfarrer Kawaletz Erzählungen. Und hinter vorgehaltener Hand wurde auch kolportiert, welcher Art diese Schussverletzungen – angeblich waren einige auf der Flucht erschossen worden – waren: Die Verletzungen rührten von Schüssen mit aufgesetzten Schusswaffen her. Nach dem Kriege hatten diese völkerrechtswidrigen Exekutionen keine Folgen für die Bewacher.
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