Witwe rettete sich zu Ordensschwestern
Pogromnacht Fanatiker zerstörten Vareler Synagoge – Drangsalierungen und Deportationen
Die Synagoge in der Osterstraße in Varel. Sie wurde 1848 eingeweiht und 1938 durch Brandschatzung zerstört. BILD: Archiv Udo klün 
von Hans Begerow
Varel - 90 Jahre hat die Synagoge in der Vareler Osterstraße bestanden, Zentrum des jüdischen Gemeindelebens. In der Nacht zum 10. November 1938 wurde sie durch ein Feuer zerstört, das Nazis gelegt hatten. Am nächsten Morgen kündeten nur noch Trümmer von dem Bauwerk. Mit dem Schrecken davongekommen war Rosa Bernheim, Witwe des langjährigen Lehres der jüdischen Gemeinde. Sie lebte in dem Wohnteil der Synagoge, das zwischen 2.30 und 3 Uhr morgens in Brand gesetzt worden war, wahrscheinlich auf Befehl des damaligen SA-Führers Renke Frerichs.
Parteilokal Schütting
Rosa Bernheim (geb. 16. Juni 1872) rettete sich und lief in Panik zu den Clemensschwestern im katholischen Krankenhaus. Dort wurde sie am nächsten Morgen „in Schutzhaft“ genommen, am Nachmittag des Tages aber wieder entlassen. Sie wurde erneut von den Clemensschwestern aufgenommen, am 30. April 1939 nach Berlin „umgesiedelt“. Im September 1942 wurde Rosa Bernheim nach Maly Trostenez bei Minsk deportiert, wo sie am 29. September 1942 verstarb.
SA-Führer Renke Frerichs hatte offenbar noch weitere Befehle gegeben. Im Parteilokal, dem „Schütting“, wurden „Aufholtrupps“ von SA-Leuten gebildet, die die jüdischen Bürger inhaftieren und ihr Eigentum demolieren sollten. Unter anderem zertrümmerten sie die Schaufensterscheiben des jüdischen Schuhhändlers Lesser Neumann in der Drostenstraße, die Ware wurde auf die Straße geworfen beziehungsweise geplündert. Die Inhaber, Lesser Neumann und seine Ehefrau Rosi, wurden „in Schutzhaft genommen, Lesser Neumann wie die anderen männlichen Juden Varels ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Wenige Monate später wurde das Paar nach Berlin zwangsumgesiedelt.
Einige emigrierten
Den Neumanns gelang die Emigration in die USA. Zu jenem Zeitpunkt lebten nur noch 17 Juden in Varel. Zu ihnen zählte Ernst Sally Weinberg (geb. 1899). Er lebte in der Schüttingstraße 13/15. Auch er wurde ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt.
Fanatische SA-Leute
Zuvor aber vernahm ihn der fanatische Nazi und SA-Mann Johannes Büppelmann, der vermutete, dass Weinberg Bargeld in seiner Wohnung versteckte. Büppelmann hatte erfahren, dass Weinberg wenige Tage zuvor ein Haus für 2000 Reichsmark verkauft habe. Weinberg konnte ihnen das gewünschte Geld aber nicht vorweisen. So wanderte er ins Gefängnis zurück.
Ernst Weinberg überlebte die Nazi-Zeit ebenfalls nicht. Die Gestapo richtete in seinem Haus in der Schüttingstraße ein „Altenheim“ ein, eine Sammelstelle für betagte Juden aus Ostfriesland. Am 23. Juli 1942 wurden die 23 jüdischen Bewohner nach Theresienstadt deportiert. Damit waren die letzten Juden aus Varel verschwunden. Nur eine jüdische Bürgerin aus Varel kehrte nach dem Krieg zurück: Ernst Weinbergs Schwester Johanna (1902 bis 1990) hatte einen christlichen Mann – Hermann Titz – geheiratet.
Eine Jüdin kehrte zurück
Johanna Titz versuchte einige Jahre vergeblich, wieder in den Besitz des Hauses zu gelangen, das ihrem ermordeten Bruder gehört hatte. Erst 1952 wurde ihr das Eigentum wieder zuerkannt. Es war 1942 an den Reichsfiskus gefallen.
Ein weiteres Opfer der Pogromnacht ist der Vareler Kaufmann Ludwig Weiss (geb. 1881). Weiss war Besitzer des Kaufhauses Weiss (Schloss-Straße/Ecke Hindenburgstraße; heute Dieler). Er verkaufte sein Unternehmen 1933 und übersiedelte 1936 nach Bremen. Weiss wurde 1938 bei dem Pogrom verhaftet und wie die Vareler Juden nach Sachsenhausen gebracht. Am Abend des 11. November 1938 starb Weiss nach Drangsalierungen durch die SS-Leute. Die Schergen hatten verlangt, dass die Männer „Laufschrittmarsch“ machten.
Verantwortung vor Gericht
Die Verantwortlichen für den Synagogenbrand mussten sich 1952 dem Landgericht Oldenburg stellen. Angeklagt waren vier Männer, Georg Lübben (geb. 1898), Johannes Büppelmann (geb. 1897), der Wirt des Schütting, Ernst Martins (geb. 1891), und Hermann Marschall (geb. 1907). Das Verfahren gegen den früheren SA-Mann Marschall wurde eingestellt. Lübben, Büppelmann und Martins wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Landfriedensbruch und Freiheitsbeschränkung zu Gefängnisstrafen verurteilt. Gegen Lübben verhängte die Strafkammer acht Monate Freiheitsstrafe, Büppelmann ein Jahr und sechs Monate, Martins ein Jahr. Weitere Mittäter waren im Krieg als Soldat gefallen, der aus Varel stammende Kreisleiter Hans Flügel war wegen der Beteiligung am Synagogenbrand in Jever verurteilt worden. Wegen seiner Beteiligung an der Pogromnacht wurde Flügel rechtskräftig zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.
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