Das lange Sterben der Wehde-Bahnen
EISENBAHNGESCHICHTE Ab 1954 verschwinden zunächst die Personenzüge, dann die Güterwaggons
VON KAI HIPPEN
Friesische Wehde - FRIESISCHE WEHDE - Einer dieser Freunde ist Helmut J. Herde. Er verfügt über eine große Sammlung zeitgenössischen Materials und kann die letzten „Züge“ der Eisenbahn bestens nachkonstruieren. Herde: „Die Friesische Wehde wurde von zwei Bahnlinien erschlossen, die beide zu dem einst umfangreichen Schienennetz der „Vareler Nebenbahnen“ gehörten.“ Es handelt sich einmal um die in Varel beginnende Bahnlinie nach Neuenburg über die Stationen Kranenkamp, Bockhorn, Zetel und Schweinebrück.
Die andere Linie zweigte in Ellenserdamm von der Hauptbahn Wilhelmshaven-Oldenburg ab und führte nach Ocholt, wobei sie die erstgenannte Strecke in Bockhorn kreuzte. Stationen gab es in der Friesischen Wehde in Steinhausen, Bockhorn, Grabstede und Moorwinkelsdamm.
Dabei kam es zu teilweise merkwürdigen Verbindungen, wie Herde aus dem Sommer-Fahrplan 1953 ablesen kann. So vollzieht er die Spur eines Schienenbusses nach: Wilhelmshaven ab 13.48 Uhr, Varel ab 14.30 Uhr, Bockhorn ab 14.59 Uhr, Ocholt ab 16.02 Uhr, Cloppenburg an 17.39 Uhr. „Heute kaum noch glaubhaft, dass es so etwas gab“, schmunzelt Helmut J. Herde.
Aber das ist alles Vergangenheit. „Das lange Sterben der beiden Bahnlinien begann am 23. Mai 1954, als der Personenverkehr eingestellt wurde“, so Herde. Die Strecke Ellenserdamm über Bockhorn bis Westerstede wurde auch im Güterverkehr zum 1. September 1966 geschlossen. Unverzüglich begann noch im selben Jahr der Abbau der Gleise zwischen Ellenserdamm und Bockhorn sowie zwischen Grabstede und Linswege. Obwohl von der Betriebspflicht entbunden, so Herde, führte die Deutsche Bundesbahn zwischen Bockhorn und Grabstede noch bis zum 2. Juni 1991 Güterverkehr durch. Im Mai-Juni 1992 wurde dann auch dieser Streckenabschnitt abgebaut.
Der Güterverkehr auf der Strecke Varel-Bockhorn-Neuenburg überdauerte das Ende des Personenverkehrs noch um nahezu 40 Jahre. Herde: „Es ist ganz selten, dass eine Strecke nur mit dem Güterverkehr so lange überlebt hat.“ Der Gütertransport wurde in den letzten Jahren seines Bestehens nur noch mit drei Fahrten in der Woche bewältigt. Ein Beispiel aus dem „Bedienungszettel für den auswärtigen Bereich“ vom Sommer 1989 zeigt den Fahrplan des Güterzuges, der seinerzeit noch dienstags, mittwochs und freitags zwischen Varel, Bockhorn und Neuenburg verkehrte. Der Zug Nr. 69572 verließ Varel um 10.24 Uhr, hatte in Rahling einen Rangieraufenthalt von 11.20 bis 11.43 Uhr. Dann fuhr er bis Schweinebrück durch, Ankunft 12.42 Uhr. Die Endstation Neuenburg erreichte er um 12.58 Uhr. Die Rückfahrt begann um 13.10 Uhr. Auf dieser wurde dann der Bahnhof Bockhorn sowie gegebenenfalls auch die Strecke nach Grabstede bedient. Bockhorn wurde um 14.29 Uhr verlassen, in Rahling rangierte man wiederum von
14.54 bis 15.25 Uhr im Gleisanschluss der Porzellanfabrik, und um 15.53 Uhr kehrte Zugnummer 69573 nach Varel zurück.
Der Güterverkehr endete mit einer „Sperrung wegen desolaten Gleiszustandes“ ab Rahling am 1. Januar 1992. Der Bundesminister für Verkehr genehmigte der Deutschen Bundesbahn die Stilllegung offiziell zum 1. August 1993. Als dann in den Jahren 2001/2002 auch hier der Abbau der Schienen erfolgte, hatte sich die Natur bereits des alten Bahnkörpers bemächtigt, so dass umfangreiche Vegetationsschnitte vorgenommen werden mussten.
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