„Die Rettungskräfte pendeln zur Disco“
Aktionswoche Fachleute warnen: Alkohol-Missbrauch durch Jugendliche nimmt im Kreis weiter zu
von Marius Meyer
FRAGE: Herr Kaminski, Sie hatten vor zwei Jahren berichtet, dass es im Landkreis pro Wochenende vier bis fünf Fälle von Koma-Saufen gibt – Tendenz steigend. Hat sich das inzwischen verändert?
KAMINSKI: Ich habe keine konkreten Zahlen zum Koma-Saufen; aber ich habe den Eindruck, dass der Trend ungebrochen ist. Die Zahlen steigen weiter. Wir haben im vergangenen Jahr 1680 Einsätze wegen Vergiftungen gehabt. In 776 Fällen waren es Minderjährige. Es handelt sich nicht nur, aber zum überwiegenden Teil um Alkoholvergiftungen. Wir nehmen auch wahr, dass die Quote bei den Frauen zu steigen scheint. Bei ihnen wirkt der Alkohol aus physiologischen Gründen schneller.
FRAGE: Wie kommt es, dass Jugendliche dermaßen über den Durst trinken, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden müssen?
KAMINSKI: Erst einmal ist es so, dass viel „vorgeglüht“ wird. Die Jugendlichen kommen beispielsweise bei der Disco an und fallen schon betrunken aus dem Bus. Außerdem gibt es viel Gruppenzwang und -dynamik. Und eigentlich kommt man beim Trinken irgendwann an den Punkt, dass es nicht mehr schmeckt. Dann kann man einfach kein Bier oder härtere Sachen mehr trinken. Das ist ein Schutzmechanismus des Körpers. Doch der wird inzwischen oft ausgehebelt, indem man den Alkohol mit süßen Getränken mischt oder zu den Alcopops greift. Und wenn man mit starken Sachen mischt, dann ist es unter Umständen so, dass man schneller über so eine magische Schwelle hinwegkommt. Das kommt dann einen Hauch versetzt, dann schlägt es aber mächtig zu.
FRAGE: Werden Sie nur zu öffentlichen Feiern gerufen?
KAMINSKI: Oh, wir sind auch bei Privatpartys „gern gesehen“, aber oft sind es tatsächlich öffentliche Anlässe. Bei privaten Feiern gibt es oft Mechanismen, die so ein bisschen bremsen.
FRAGE: Welche Auswirkungen hat der übermäßige Alkoholkonsum von Jugendlichen auf den Rettungsdienst?
KAMINSKI: Die Kollegen von den Rettungswagenbesatzungen erzählen mir, dass sie teilweise schon pendeln. Sie fahren zu einer Großraum-Disco, laden ein oder gleich zwei Fälle ein, fahren zum Krankenhaus und dann wieder zur Disco, wo sie den nächsten Patienten einladen. Das ist ein großer Anteil der Einsätze an den Wochenenden. Aber um es ganz klar zu sagen: Die Versorgung anderer Notfälle ist nicht gefährdet. Unsere Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass es genug Rettungswagen gibt.
FRAGE: Was kostet so ein Einsatz?
KAMINSKI: Wenn der Rettungswagen kommt und eventuell noch der Notarzt dazu, der Patient ins Krankenhaus eingeliefert und über Nacht in einem Überwachungsbett dort behalten wird, dann kommt das auf bis zu 1200 Euro. Das übernehmen die Krankenkassen.
FRAGE: Würden Sie sich wünschen, dass die Betroffenen und ihre Familien es selbst bezahlen müssten, in der Hoffnung, dass eine heilsame Wirkung eintritt?
KAMINSKI: Nein. Es könnte zwar vielleicht heilsam sein. Aber wir dürfen nicht dahin kommen, dass die Jugendlichen im Notfall, und darum handelt es sich schließlich bei einer Alkoholvergiftung, sich überlegen, was das für Kosten nach sich zieht, den Rettungswagen zu rufen. Die Hemmschwelle dazu ist bei Jugendlichen eh schon sehr hoch. Eigentlich sollte es als heilsame Wirkung ausreichen, wenn man sich überlegt, was man den Leuten, den man nahe steht, damit antut. Die stehen daneben und machen sich Sorgen, denn das kann ja lebensgefährlich sein.
FRAGE: Was muss man in einem solchen Notfall tun?
KAMINSKI: Erst einmal müssen die lebenswichtigen Funktionen sichergestellt und durch eine stabile Seitenlage das Ersticken durch Erbrechen verhindert werden, bis die Rettungskräfte kommen.
9,5 Millionen Personen in Deutschland konsumieren Alkohol auf riskante Weise, 1,3 Millionen sind abhängig.
Die „Aktionswoche Alkohol“ findet vom 21. bis 29. Mai statt. Sie soll über die Folgen des Alkoholmissbrauchs aufklären. Dazu veröffentlicht die NWZ mehrere Interviews zum Thema Alkoholmissbrauch.
- Ein Stück der etwas anderen Art wird an diesem Sonntag, 26. Februar, 15 Uhr, auf der Neerstedter Bühne gezeigt. Wo sonst meist plattdeutschem Frohsinn Platz gegeben wird, führt die Weberknecht-Bühne Hamburg eine Gesellschaftssatire auf.mehr
- Mit einer kleinen Überraschung möchte der Turnverein Neerstedt seine Mitglieder zur Teilnahme an der Generalversammlung 2012 locken: Alle Teilnehmer erhalten einen Eintritts-Gutschein für ein Handball-Heimspiel der ersten Herren oder ersten Damen des TVN.mehr
- Der Bürger- und Heimatverein Dötlingen hält seine Mitgliederversammlung am Mittwoch, 7. März, im Schützenhof Unter den Linden ab. Ab 19.30 Uhr geht es um den Jahresbericht des Vorsitzenden und des Schatzmeisters, den Ausblick auf die Aktivitäten 2012 sowie Ehrungen.mehr
- Die Generalversammlung steht an diesem Freitag, 24. Februar im Terminkalender der Mitglieder des Schützenvereins Brettorf. Ab 19.30 Uhr geht es im Schützenhof Brettorf unter anderem um die Berichte, Wahlen, Aufnahme neuer Mitglieder und die Veranstaltungen und Termine in 2012.mehr
- „Wir müssen jetzt dringend in die Pötte kommen“, sagte Gerd Jacoby am Mittwochnachmittag. Gemeint ist die Suche nach Ausbildungsbrücken-Paten für das kommende Schuljahr. „Es haben 15 Kinder in den siebten Klassen signalisiert, dass sie am Programm teilnehmen möchten“, so Gerd Jacoby.mehr



