Nord-Süd-Gefälle bei Nebenwirkungen
BIOGAS I Boom mit gemischten Gefühlen beobachtet – Nicht-Nutzung der Wärme „unglaublich“
VON KARSTEN KOLLOGE
Ganderkesee/Landkreis - Die B 213 zwischen Wildeshausen und Delmenhorst, so witzeln Spötter, mausere sich derzeit zum „Biogas-Boulevard“. Acht Anlagen stehen im Einzugsbereich der Straße oder sind in deren Nähe geplant. Freilich: Die Häufung ist vielleicht auffällig, doch zeigt sie einen im gesamten Landkreis stattfindenden Boom – einen Boom, der von der Politik zunehmend mit gemischten Gefühlen beobachtet wird.
Zurzeit, so berichtet Klaus Wocken als zuständiger Sachbearbeiter im Kreishaus, seien kreisweit 33 Anlagen in Betrieb. Allerdings werde sich diese Zahl in absehbarer Zeit verdoppeln: 16 Anlagen seien im Bau, 17 weitere beantragt. Ganderkesee liege beim „Biogas-Ranking“ im unteren Drittel: Es gibt zwei bestehende Anlagen und drei geplante.
Mit dem Boom bei den Biogasanlagen, so hat der CDU-Kreistagsabgeordnete und Landwirt Günter Westermann beobachtet, seien mehrere Begleiterscheinungen einhergegangen. Ein Beispiel: Wegen des großen Hungers der Anlagen insbesondere nach Mais seien die Acker-Pachtpreise deutlich gestiegen – wobei es im Landkreis Oldenburg nach Westermanns Eindrücken ein „Nord-Süd-Gefälle“ mit höheren Preisen im Süden gibt. Aber auch in Ganderkesee, also im Norden, „hat sich der Preis in den letzten fünf Jahren verdoppelt“. 600 bis 800 Euro müssten pro Jahr und Hektar hingelegt werden, selbst Preise über 1000 Euro kämen vereinzelt vor.
Verdrängungswettbewerb
Eine Folge dieser Entwicklung: Viehhaltende Betriebe könnten bei solchen Preisen nicht mithalten. „Wir gönnen jedem Landwirt das zweite Standbein“, stellte Westermann klar. Aber hier kündige sich ein Verdrängungswettbewerb an – „die Veredelungswirtschaft kommt in schwieriges Fahrwasser“.
Vor diesem Hintergrund würden CDU-Kreisverband und CDU-Kreistagsfraktion in Kürze MdB Franz-Josef Holzenkamp (Mitglied im Landwirtschaftsausschuss des Bundestages) und MdL Ansgar Focke einladen, kündigte Fraktionsvorsitzender Hans-H. Hubmann an. Denn vor Ort könne man wenig ändern – das funktioniere nur über Land und Bund.
Das sieht man bei der SPD-Kreistagsfraktion etwas anders. Seine Fraktion beobachte die Entwicklung „mit großer Sorge“ und habe sich mit einem Brief an Landrat Frank Eger gewandt, berichtete der Kreistagsabgeordnete Hans Mestemacher. Was ihn besonders wurmt: Zurzeit müssten auch Anlagen genehmigt werden, bei denen lediglich der Strom genutzt wird – die Wärme hingegen „in den Himmel gepustet wird“. Vor dem Hintergrund der Diskussion um Klimaschutz „finde ich das unglaublich“.
Druck auf Brachland
Hinzu komme, dass durch den „Rohstoff-Hunger“ der Biogasanlagen auch der „Druck auf Brachflächen und Feuchtwiesen“ steige. Und: Die Tendenz zu Mais-Monokulturen sei unübersehbar.
Die Linie der SPD-Kreistagsfraktion: Der Kreis solle versuchen, auf freiwilliger Basis mit dem Kreislandvolk Punkte festzulegen – zum Beispiel, dass die Wärmenutzung „genehmigungsrelevant“ wird.
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