„Eine Pille gegen Stottern gibt es nicht“
Sprachstörungen Thema noch immer gesellschaftlich tabuisiert – Genesung schwer prognostizierbar
von Sebastian Schult
FRAGE: Herr Zimmermann, ganz einfach gefragt: Warum stottern Menschen eigentlich?
ZIMMERMANN: So einfach ist die Antwort gar nicht. Die Ursache des Stotterns ist wissenschaftlich bis heute nicht ganz erforscht. Stotternde Menschen haben vermutlich eine Veranlagung zum Stottern. Diese Störung entsteht in einer Zeit, in der sich das Kind körperlich, geistig, emotional und sprachlich schnell entwickelt. Wieso es dabei bei einigen Kindern zum Stottern kommt, weiß man noch nicht genau. Man vermutet aber, dass es sich ursächlich um ein Zusammenspiel unterschiedlicher Einflüsse aus dem körperlichen, psychischen, sprachlichen und sozialen Bereich handelt.
FRAGE: Trifft womöglich auch Eltern eine Schuld am Stottern ihrer Kinder?
ZIMMERMANN: Ganz klar nein. Es gibt darauf keinerlei Hinweise. Stottern entsteht viel mehr aus den bereits erwähnten Gründen. Sobald die Eltern glauben, dass ihr Kind anfängt zu stottern und sich Sorgen machen, sollten sie sich beraten lassen. Neben Logopäden und anderen Sprachheilberufen kann man sich auch bei der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. Informationen und Rat einholen.
FRAGE: Ist das Stottern denn eine psychische Störung?
ZIMMERMANN: Nein. Auch wenn es oft angenommen wird: Es ist keine psychische und auch keine kognitive Störung, sondern eine kommunikative. Stotternde und nichtstotternde Menschen unterscheiden sich nicht generell in ihren Persönlichkeitseigenschaften oder ihrer Intelligenz. Es gibt übrigens auch ganz prominente Stotterer, zum Beispiel Bruce Willis oder der Fußballer Hamit Altintop.
FRAGE: Wie sehr leiden die Betroffenen darunter?
ZIMMERMANN: Das ist sehr unterschiedlich. Für stotternde Kinder und Jugendliche kann die Schulzeit sehr belastend sein. Hänseln und andere Formen der sozialen Ausgrenzung durch die Mitschüler sind typische Probleme. Stotternde Schüler werden benachteiligt, wenn ihre Sprechbehinderung nicht ausreichend bei der Benotung mündlicher Leistungen und bei der Gestaltung von mündlichen Prüfungen berücksichtigt wird.
FRAGE: Klingt nach einem gesellschaftlichen Tabuthema...
ZIMMERMANN: Ja, leider ist das Stottern immer noch tabuisiert. Viele sprechen über diese Störung noch nicht offen, oder wissen eben auch nicht, wie sie damit umgehen können.
FRAGE: Wie helfen Sie den Patienten, die zu Ihnen kommen?
ZIMMERMANN: Eine „Pille“ gegen Stottern gibt es nicht. Man unterscheidet zwei Richtungen in der Stottertherapie. Die eine ist das Erlernen von Sprechtechniken, die das gesamte Sprechen verändern. Der Stotternde erlernt also eine neue Art zu sprechen, bei der weniger Stottern auftritt. Beim anderen Therapieansatz handelt es sich um eine sogenannte „Nicht-vermeiden-Strategie“. Diese hat das Ziel, besser auf das Auftreten von Stotter-Symptomen zu reagieren.
FRAGE: Übernehmen die Krankenkassen die Therapie?
ZIMMERMANN: Bei Kindern ja. Erwachsene tragen zehn Prozent der Therapiekosten selbst.
FRAGE: Stichwort Therapiemöglichkeiten: Was hat sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten verändert?
ZIMMERMANN: Die Möglichkeiten haben sich verbessert. Früher wurde sich viel auf das Vor- und Nachsprechen konzentriert. Heutzutage betrachtet man die Störung ganzheitlicher. Es steht nicht nur das Sprechen selbst im Fokus, sondern der ganze Mensch und sein soziales Umfeld.
FRAGE: Wie sind denn die Heilungschancen?
ZIMMERMANN: Von den Kindern, die anfangen zu stottern, verlieren viele das Stottern bis zur Pubertät wieder völlig. Bislang lässt sich nicht vorhersagen, bei welchen Kindern und mit Hilfe welcher Behandlungsmethoden dies der Fall ist. Fachleute sind sich aber einig, dass eine Stottertherapie umso aussichtsreicher ist, je früher eine qualifizierte Behandlung erfolgt. Kein Therapeut kann seinem Patienten eine sichere Vorhersage machen, ob sein Stottern verschwindet. Wer eine Heilung garantiert, ist kein seriöser Therapeut.
FRAGE: Heute ist ja Weltstottertag: Wie wichtig ist Ihnen dieser Tag?
ZIMMERMANN: Sehr wichtig, eben weil das Thema immer noch tabuisiert wird. Je mehr Aufklärung stattfindet, desto lockerer und selbstverständlicher gehen die Menschen mit dieser Störung um. Das ist gut, die Betroffenen sind schließlich keine Aussätzigen.
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