Trotz großer Not bemerkenswerte Ruhe
Sturmflut Udo Herrmann erinnert sich an die Katastrophe vor 50 Jahren – Tote auf der Straße
Mit dem Ablaufen des Wassers begannen in Hamburg-Wilhelmsburg die Aufräumarbeiten. Wies Rettungsfahrzeugen den richtigen Weg: Udo Herrmann, hier mit einer Sonderausgabe des Hamburger Abendblatts. BILDer: Udo Herrmann/Karsten Kolloge 
von Karsten Kolloge
Ganderkesee - Hochwasser? Udo Herrmann hatte ganz anderes im Kopf, als er am 16. Februar 1962 zurück aus dem Harz kam. Erst Ende Januar hatte er sein Examen als Maschinenbau-Ingenieur bestanden, jetzt war er mit seiner Verlobten (und heutigen Ehefrau) für einen Kurzurlaub in Hahnenklee gewesen. Doch schon bei der Rückfahrt in der Bahn „hab’ ich mich gewundert, wie hoch das Wasser war“ – trotz Ebbe.
Zurück in Wilhelmsburg, legte er sich in der elterlichen Wohnung erst einmal schlafen. Das große alte Haus, in dessen zweiter Etage sich die Wohnung befand, „lag nahe der katholischen Kirche, wohl etwas höher“. Und das sollte wichtig werden in dieser Nacht – zumal das zwischen Süder- und Norderelbe gelegene Wilhelmsburg „wie eine Badewanne“ sei: „Wenn der Deich bricht, läuft es voll.“
Als der heutige Ganderkeseer am Morgen des 17. Februar aufwachte, war die Katastrophe längst da. Direkt vorm Haus, so erinnert er sich, „lag eine tote Frau auf dem Kantstein, daneben ein Gartenhaus“. Autos lagen wie Spielzeug auf der Straße, teils auf der Seite, teils auf dem Dach. Das Wasser, das den Stadtteil meterhoch überflutet hatte, war jetzt schon wieder am Ablaufen.
Herrmann ging los, auf die Straße. „Da hat jeder etwas gemacht“, erinnert er sich an die vielen Helfer und Menschen, die ans Aufräumen gingen. Er selbst habe „an unserer Kreuzung“ den Rettungsfahrzeugen den Weg gewiesen.
Die Atmosphäre, so schildert es der heute 74-Jährige, sei ähnlich gewesen wie bei den Bombenangriffen, die er als Kind in Wilhelmsburg im Bunker miterlebte: „Es war nicht Panik, nicht so, dass jeder wild rumrannte. Es war so, als wäre es gottgegeben.“
Die Hilfsbereitschaft sei groß gewesen. Auch daheim in der Wohnung, wo es jetzt kein Gas mehr gab und statt dessen mit Petroleumkocher das Essen bereitet wurde, hätten Bekannte angerufen und gefragt, ob sie etwas tun könnten. Aber des Haus war weniger stark betroffen, nur der Keller war voll Wasser.
In dieser Situation, so erinnert sich Udo Herrmann, habe der damalige Hamburger Innensenator Helmut Schmidt nicht lange gefackelt, sich auch über Verordnungen hinweggesetzt – um zu helfen. „Damals hat er sich qualifiziert als Führungskraft.“
Schon am 1. März 1962 trat Herrmann dann bei Focke-Wulf eine Stelle als Ingenieur im Flugzeugbau an, jetzt zog er nach Bremen. Mit ihm zog sein Käfer um. Das Cabrio hatte er noch in Hamburg gekauft, bei der Flut hatte es nur wenige Zentimeter aus dem Wasser geragt. Doch nach einer Reinigung lief der Wagen wieder. Allerdings sollte Herrmann später noch Folgen bemerken. Mal „flog mir durch die Lüftung Lehm um die Ohren“, mal war der Wagen kaum zu bremsen: „Das Gas war eingefroren.“
@ Ein Spezial unter http://www.NWZonline.de/50-Jahre-Sturmflut
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