STOLLHAMM, 16. November 2009


Armeebus holt Butjenter Bahn vom Gleis

UNFALL Rolf Gerdes rekonstruiert den Zusammenstoß vom 18. November 1946 am Wischweg


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Die Unfallstelle am Stollhammer Wischweg bot ein schreckliches Bild: Die Lok war die Böschung des Bahndamms heruntergerutscht und hatte den Bus unter sich begraben, der Gepäckwagen war aus den Gleisen gesprungen.  Bild vergrößern

EIN AMERIKANISCHER SOLDAT HATTE DEN BUS EINFACH AUF DEM GLEIS ABGESTELLT. ERNSTHAFT VERLETZT WURDE ABER NIEMAND.

VON HENNING BIELEFELD

Stollhamm - Fast auf den Tag genau 63 Jahre ist es her, dass die Butjadinger Bahn in einen spektakulären Unfall verwickelt wurde. Davon hat Rolf Gerdes, der Sohn des früheren Bahnhofswirts Heinz Gerdes, jetzt ein Foto aufgetrieben. Das Original liegt in Wien.

Mit einem Papierabzug des Bildes in der Hand versuchte er, Zeugen aufzutreiben und den Unfall zu rekonstruieren – mit Erfolg. Dabei half ihm ein Netzwerk von Eisenbahnfreunden, die einanander kennen und weiterhelfen, und alte Bekannte aus Butjadingen.

Eier hamstern

Es war am Montag, den 18. November 1946, um 6.25 Uhr, als der erste Zug, der von Eckwarden in Richtung Nordenham fuhr, kurz nach dem Halt im Stollhammer Bahnhof den Bahnübergang

Wischweg passieren wollte. Doch dort stand ein leerer olivgrüner Bus der amerikanischen Besatzungsarmee in Nordenham.

Ein amerikanischer Besatzungssoldat hatte das sperrige Fahrzeug ohne Passagiere hierher gefahren, um bei einem Bauern am Wisch-

weg Eier zu hamstern, sich aber in der Dunkelheit und in unbekanntem Gelände nicht weiter getraut und den Bus einfach auf dem Gleisen stehen gelassen, um zu Fuß zum Bauernhof zu gehen. Dass hier in Kürze ein Zug durchfahren könnte, war dem Amerikaner wohl nicht in den Sinn gekommen.

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Rolf Gerdes hat die entscheidenden Sekunden rekonstruiert. „Die Fenster des Führerhauses der Lok sind für die Fahrt nach Nordenham geschlossen, damit bleibt ein wenig Wärme vom heißen Dampfkessel auf dem Führerstand, und die pflichtbewussten schwarzen Männer sind an diesem Novembertag vor dem nasskalten Ostwind, der mit Böen gegen das Führerhaus bläst, geschützt“, schreibt Gerdes, der heute als Mitarbeiter der Deutschen Bahn in Horneburg bei Stade lebt.

„Während der Zugführer nach der Abfahrt in Stollhamm wieder im Gepäckwagen direkt hinter der Lok Platz genommen hat und sein Schaffner die Fahrkarten in den Personenwagen kontrolliert, fährt Hinrich Thölen den Zug nach Nordenham. Sein Heizer hat eine Schaufel Kohlen nachgelegt, und nun geht‘s mit 25 Kilometern in der Stunde dem Haltepunkt Moorsee entgegen.

Der Heizer, der gerade seine Schaufel beiseite gestellt hatte, schaut nach rechts aus dem Führerstand zum Wischweg und erblickt das halb auf dem Bahnübergang stehende unbeleuchtete Armeefahrzeug. Zu spät, die Männer können den Zug nicht mehr rechtzeitig zum Halten bringen und springen im letzten Moment in der Dunkelheit vor der entgleisenden Lok in die Bahndammböschung.

Der rechte Puffer der Lok verhakt sich im Führerhaus des Busses und schleift diesen noch 20 Meter mit, bevor die Räder der 20 Tonnen schweren Lok sich in den sandigen Bahndamm schieben. Auslaufendes Benzin aus dem aufgerissenen Bustank entzündet sich an glühenden Kohleresten aus dem Aschekasten der Lok. An der Unfallstelle schießen helle Flammen in den dunklen Himmel. Ein Feuer, das bis zur Wischer Schule zu sehen ist.“

Den Feuerschein gesehen

Dort wohnt Dieter Lovis, der Sohn des Schulleiters. „Ich habe vom Dachbodenfenster an der Giebelseite der Schule den Feuerschein sehen können“, erinnert er sich. „Das Fahrzeug war ein Notbus der US-Armee mit Sattelauflieger, innen mit Bänken zur Beförderung der Hafenarbeiter nach Nordenham, die bei den Amis Schiffe ausladen mussten.“

Rolf Gerdes vermutet, dass die Sache aus zwei Gründen relativ glimpflich ausgegangen: Erstens fuhr der Zug sehr langsam, und zweitens wurde die entgleisende Lok von dem großen Bus abgebremst. Außer der Lok ist nur noch der Gepäckwagen hinter ihr entgleist. In den Abteilen erlitten einige Passagiere Prellungen.

Die Deutsche Reichsbahn holte Lok und Gepäckwagen wieder auf die Gleise.

Versteck

im Bahnhof

Der Schwarzmarkt blühte in der Nachkriegszeit. Auch der damalige Stollhammer Agent der kreiseigenen Butjadinger Bahn Dietrich Barre trug dazu bei, dass die Waren vor dem Zugriff der Polizei versteckt werdem konnten, erinnert sich Rolf Gerdes. Denn im Stollhammer Bahnhof verbarg sich im Warteraum für die II. Klasse unter einem roten Kokosteppich eine Bodenklappe. Darunter öffnete sich ein Hohlraum – und dort wurde die Schwarzmarktware versteckt.






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