WADDENSERSIEL, 3. Februar 2012


Angst vor dem Deichbruch treibt alle an

Sturmflut In Waddensersiel geht plötzlich alles sehr schnell – Wasser erreicht um 22.30 Uhr Höchststand


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Sandsäcke füllten nach der Sturmflut vom 16. Februar 1962 die Lücken am Deich in Waddensersiel. BILD: Heddo Peters  Bild vergrößern

Das Niedrigwasser war so hoch wie sonst das Hochwasser. Das alarmierte die Menschen am Deich, der 1956 erhöht worden war.

von Heddo Peters

Waddensersiel - Der orkanartige Südwest-Sturm, der schon seit Tagen über die deutsche Nordseeküste hinwegbrauste, erfüllte die wetterkundigen Waddensersieler mit großer Sorge. Sie, die Fahrensleute und Fischer, wussten aus leidvoller Erfahrung, dass mit einer schweren Sturmflut zu rechnen war: „Wenn de Wind up Nordwest dreiht, kummt dar noch wat!“ Weil aber bisher nichts Besonderes geschehen war, beruhigten sich die Menschen am Deich etwas.

Als jedoch am Freitag, der Wind tatsächlich auf Nordwest gedreht hatte, das Wasser bei Niedrigwasser – 18 Uhr – noch so hoch stand wie sonst bei Hochwasser, kam uns allen der Ernst der Lage zu Bewusstsein: Da kommt wirklich etwas auf uns zu!


Sicherer Ort gesucht
Von diesem Augenblick an ging es sehr schnell. Schon um 20 Uhr reichte das Wasser etwa halb den Deich hoch, und nur eine Stunde später berührten die Wellenausläufer die Deichkappe. Inzwischen hatten alle Deichanwohner mitbekommen, dass sich eine Katastrophe anbahnte, und jeder begann nun in aller Eile, Vorbereitungen zu treffen, um bei einem möglichen Deichbruch einen einigermaßen sicheren Ort aufsuchen zu können.

Wenn das Wasser nämlich bis Hochwasser – 24 Uhr – weiter anstieg, würde der Deich den gewaltigen Wassermassen nicht mehr standhalten können. An schwachen Stellen würde er brechen oder die gewaltigen Brecher würden den Deich überspülen und die Binnenböschung wegreißen. So war es auch bei der Sturmflut am 13./14. März 1906 gewesen, an die sich ältere Bewohner noch gut erinnern konnten.

Es hielt niemanden mehr in seiner Behausung, alle Waddensersieler und die Nachbarn vom Waddenser und Husumer Deich blieben nun ständig in Deichnähe und beobachteten mit wachsender Sorge die tobenden Elemente.

Die beiden Granatkutter im Waddenser Sielhafen tanzten wie Nussschalen auf dem kochenden Wasser. Ihre kleinen Beiboote hatten schon lange vorher den Brechern nicht mehr standhalten können, sie lagen vertäut auf dem Grund des Hafens. Die Besitzer der beiden Kutter, Erich Penshorn und Ernst Morisse, standen neben uns auf dem Deich, voller Angst und Sorge um ihre Schiffe, die Grundlage ihrer Existenz. Sie hatten am Nachmittag schon mit unserer Hilfe alle beweglichen Sachen wie Netze, Körbe, Stangen, Bretter, Bohlen und Pfähle vom Hafengelände geborgen und binnendeichs in Sicherheit gebracht.

Plötzlich, kaum jemand hatte es bemerkt, wurde eine lockere Grassode von einem Brecher regelrecht aus der Außenböschung herausgerissen und durch die Luft geschleudert. Jetzt bot sich ein Angriffspunkt: 5, 10, 20, 50 Soden folgten innerhalb kürzester Zeit und das mit Erde vermischte Wasser nahm eine graubraune Färbung an. Bei jedem Brecher, der in diese Höhlung prallte, ging ein Zittern durch den Deich. Jeder von uns konnte das mit seinem ganzen Körper spüren.

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Das Wasser fraß sich nun förmlich in den Deich hinein, und die Wellen, die sich an den Kanten der Löcher brachen, stoben wohl 5 bis 7 Meter in die Luft. Dieser Anblick, faszinierend und schaurig zugleich, erinnerte lebhaft an eine Bombenexplosion. Der heulende West-Nordwest-Orkan trieb die aufsteigenden Wassersäulen ins Meer zurück, und bei dem hellen Mondlicht, das mehrmals dieses urgewaltige Schauspiel gespenstisch beleuchtete, konnten wir die schaumgekrönten und hell glitzernden Brecher schon aus großer Entfernung herankommen sehen.


Welle poltert hinab
Und dann geschah es: Ein heftiger Regenschauer peitschte gerade auf das Wasser nieder, als eine riesige Welle, ungebrochen in ihrer Kraft, den 8 Meter über Normalnull hohen Waddenser Deich mit ihrer ganzen Wucht überspülte. Wir, die wir uns gerade in der Nähe der Deichtreppe aufhielten, konnten im letzten Augenblick noch auf die dort oben stehenden befestigten Holzbänke springen und sahen, wie das Wasser unter unseren Füßen Steine und Erde aus der Deichkappe herausriss und mit seiner Fracht die Treppe binnendeichs hinabpolterte.

Unten auf der Straße verteilten sich Wasser, Erde und Steine auf dem Klinkerpflaster. Zu diesem Zeitpunkt – etwa 22.30 Uhr – hatte das Wasser offenbar seinen Höchststand erreicht; denn dieses erregende Ereignis wiederholte sich noch einige Male. So etwas hatten wir jungen Leute noch nie gesehen und erlebt!

 @ Alle Artikel zur Sturmflut finden Sie unter http://www.NWZonline.de/50-jahre-sturmflut Autor dieses Berichts ist Heddo Peters. Der 67-jährige Esenshammer ist Archivar des Rüstringer Heimatbundes. Er wuchs als Sohn des Gastwirts Willi Peters in Waddensersiel auf und war später Leiter der Grundschule Atens. Diese Texte verfasste er am 18. Februar 1962, kurz nach der Sturmflut.

Diese Serie erinnert an die Sturmflut vom Februar 1962, als die Wesermarsch knapp einer Katastrophe entging.

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