LEMWERDER, 4. Februar 2012


„Ich will das Unglück gar nicht sehen“

Rettungsflieger Dienstältester „Christoph 26“-Pilot Uwe Quellhorst nach 9000 Einsätzen im Ruhestand


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„Ich fliege nur – die anderen retten Leben“: Uwe Quellhorst vor seinem ADAC Rettungshubschrauber „Christoph 26 BILD: Oliver Braun  Bild vergrößern

32 000 Starts und Landungen, 12 050 Stunden in der Luft: Uwe Quellhorst kam geflogen, wenn die Not am größten war. Jetzt hängt der Rettungspilot Helm und Fliegerkombi an den Nagel.

von Oliver Braun

Lemwerder - Wer Flugkapitän Uwe Quellhorst nach dem dramatischsten seiner weit mehr als 9000 Rettungsflüge am Steu­erknüppel des ADAC-Rettungshubschraubers „Christoph 26“ fragt, dem erzählt der Vielflieger immer die Geschichte von der Rettung zweier Kinder vom Treibeis in der Jade.

Das Drama ist 22 Jahre her. Uwe Quellhorst, der am Freitag, dem Vorabend seines 65. Geburtstags, in den Ruhestand verabschiedet wurde, hatte damals gerade als Rettungsflieger in Sanderbusch angefangen. Am frühen Abend eines kalten Wintertages hatten Kinder am Geniusstrand auf dem halb zugefrorenen Jadebusen gespielt. Sie merkten nicht, wie das Eis unter ihnen knackte und Schollen abbrachen.


Drama über dem Eis
Plötzlich rutschten zwei Kinder ab. Sie fielen ins eiskalte Wasser. Doch es gelang ihnen, sich auf eine abtreibende Eisscholle zu ziehen. Ein Freund, der das Unglück vom Ufer aus mitverfolgt hatte, alarmierte die Rettungskräfte. Bald darauf tauchte der Gelbe Engel „Christoph 26“ am Himmel auf: Rettungsflieger Uwe Quellhorst und Co-Pilot Ulf Kuffner hatten allerdings mit schlechten Sichtverhältnissen zu kämpfen. Doch sie entdeckten die beiden Zwölfjährigen, die bereits 300 Meter Richtung offene See getrieben waren. „Ich musste die Maschine so an die beiden Jungs heransteuern, dass sie vom kräftigen Wind der Rotorblätter nicht ins Wasser geblasen oder die Eisscholle umgeworfen würde“, beschreibt Uwe Quell­horst den Rettungseinsatz.

Er manövrierte den Hubschrauber, der damals noch nicht mit einer Rettungswinde ausgerüstet war, direkt über die kleine Eisscholle und ging aus 30 Metern langsam runter. Wenige Zentimeter über dem Eis öffneten der Co-Pilot und der Rettungssanitäter eine Luke, packten die durchnässten, halb erfrorenen und verängstigten Kinder am Kragen, zogen sie an Bord und flogen sie ins Krankenhaus. „Ich glaube, außer einem Riesenschrecken und einer kräftigen Erkältung ist den beiden nichts weiter passiert“, sagt der Pilot. Vermutlich werden die Eltern den beiden Jungs hinterher noch kräftig die Hintern versohlt haben.

Der ehemalige Bundeswehr- und Wiking-Pilot gehörte als inzwischen dienstältester „Christoph 26“-Pilot fast 23 Jahre zu den Rettungsfliegern von Sanderbusch. Sechs Piloten, drei Co-Piloten und drei Bordtechniker sowie Rettungsassistenten und Notärzte teilen sich die Schichten, damit „Christoph 26“ rund um die Uhr einsatzbereit ist.


In zwei Minuten startklar
„Wenn’s piept, sind wir in zwei Minuten in der Luft“, sagt Quellhorst. „Christoph 26“ sei der Joker in einem Einsatzradius von ungefähr 70 Kilometern. Mit 120 Knoten (ca. 215 km/h) rattert der Helikopter durch die Lüfte und ist längst auch mit einer Winde für die Wasserrettung ausgerüstet. Erst vor drei Tagen haben die Rettungsflieger von Sanderbusch die Winde wieder einsetzen müssen. An Bord eines Fischkutters auf hoher See war ein Arbeiter gestürzt und hatte sich das Becken gebrochen. Arzt und Sanitäter von „Christoph 26“ haben den Verunglückten bei sieben Windstärken ins Rettungsgeschirr bugsiert und in die Klinik geflogen.

„Meist bekommt man mit, was da passiert ist, aber oft will ich das gar nicht so genau wissen“, sagt Quellhorst. Vor allem, wenn Kinder im Spiel sind. Er hat Notärzte zu vielen furchtbaren Verkehrsunfällen geflogen. Oft konnten die Rettungsflieger Leben retten, aber es sind auch schon Schwerstverletzte an Bord von „Christoph 26“ gestorben. Und auch wenn er schon manche Hochschwangere an Bord hatte, die er von einer Insel zur nächsten Geburtsklinik flog: Ein kleiner „Christoph“ erblickte nie im Lärm der Rotoren das Licht der Welt. Immer wieder, so wie an seinem vorletzten Arbeitstag, ist Uwe Quellhorst für medizinisch notwendige Einsätze in der Luft, um Ärzte zu Herzinfarkt- oder Schlaganfall-Patienten zu fliegen oder weil ein Patient von einem Krankenhaus in eine andere Klinik verlegt werden muss.

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An diesem Freitag macht Uwe Quellhorst nach knapp 23 Jahren Rettungsfliegerei im Tag- und Nachtdienst buchstäblich den Abflug. „Ich habe Glück gehabt, dass ich noch bis 65 fliegen durfte“, sagt er. In Kürze tritt eine neue EU-Regelung in Kraft, wonach mit dem 60. Geburtstag Schluss sein muss mit dem Fliegen.


Landen ohne Triebwerk
Angefangen hatte der in Lem­werder geborene Uwe Quellhorst 1967 bei der Bundeswehr, flog dort verschiedene Hubschraubertypen, erwarb nach und nach alle Lizenzen und war später Berufspilot beim Wiking Helikopter Service in Mariensiel, bei AirLift Service und der Deutschen Rettungsflugwacht in Bremen, bevor er 1989 nach Sanderbusch wechselte.

Quellhorst hat vieles erlebt mit seinen Hubschraubern, die er auch schon mal mit ausgefallenem Triebwerk sicher landete. Insgesamt hat er fast 32 000 Starts und Landungen absolviert und 12 050 Flugstunden geleistet.

Jetzt beginnt für den vierfachen Großvater im heimischen Lemwerder ein neuer Lebensabschnitt ohne Hubschrauber. Aber nicht ohne Fliegerei, denn Uwe Quellhorst steigt als Rentner nicht nur aufs Fahrrad und auf ein kleines Boot, sondern auch auf den Motorsegler um. Damit wird er sicher auch mal in Mariensiel landen.






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