Gerechtigkeit hinter dem großen Portal
Serie Das Amtsgericht ist das imposanteste Gebäude Nordenhams – Auch innere Werte überzeugen
Dr. Claudia Peplau an der Tür des Amtsgerichts, dessen Direktorin sie seit 1998 ist. Oberes rundes Bild: Ein Putto stapelt verzweifelt Bücher. Unteres rundes Bild: Glasmalerei von Georg Karl Rohde über der Eingangstür BilDER: Henning Bielefeld 
von Henning Bielefeld
Nordenham - In Nordenham ist vieles anders. Justitia zum Beispiel ist hier nicht blind, sondern sehend. Erhaben, streng und abweisend blickt sie über jeden hinweg, der auf das 20 Meter hohe Portal des Amtsgerichts zugeht. Sie hat nicht den Menschen und seine Stellung in der Gesellschaft im Blick, sondern das Recht.
Zwei Figuren, die eine mit einem großen Schwert, die andere mit einem kleinen Buch, bewachen den Eingang des imposantesten Gebäudes in Nordenham. 32 Frauen und Männer arbeiten hier auf knapp 3400 Quadratmetern daran, dass dem Recht Geltung verschafft wird. Warum wurde ein solcher Palast für so wenige Bedienstete gebaut? Und was ist überhaupt ein Amtsgericht?
Gericht für ein Amt
Das Amtsgericht sichert die Rechtsprechung in einem Amt. Ein Amt war bis 1933 der Vorgänger des heutigen Kreises. Ein Amtsgericht ist zuständig für Straffälle, bei denen der Angeklagte mit einer Freiheitsstrafe bis zu vier Jahren rechnen muss, erläutert Dr. Claudia Peplau, seit 1998 Direktorin des Amtsgerichts Nordenham. Ausnahmen sind vorsätzliche Straftaten, bei denen ein Mensch zu Tode gekommen ist. Sie werden grundsätzlich von einem Landgericht verhandelt. Außerdem verhandelt ein Amtsgericht Zivilprozesse bis zu einem Streitwert von 5000 Euro und Familensachen mit unbegrenztem Streitwert. Der höchste Streitwert in Nordenham lag bei 500 000 Euro.
Zudem ist das Amtsgericht Nordenham Insolvenzgericht für die ganze Wesermarsch. Dafür hat es das Handels- und das Vereinsregister abgegeben.
Seit 1954 sind immer vier Richter am Amtsgericht tätig. Dr. Claudia Peplau, sie kam 1986 an das Gericht, ist für Familiensachen, die Strafvollstreckungskammer und die Gerichtsverwaltung zuständig, Klaus Holtkamp für Betreuungssachen, Insolvenzen und Landwirtschaftssachen, Alexander Wiebe für Familiensachen und alle Zivilprozesse sowie Jörg Sprenger für alle Strafsachen. Dazu kommen acht Rechtspfleger, von denen einige in Teilzeit arbeiten.
Im vergangenen Jahr verhandelte das Gericht 235 Insolvenzanträge, 199 Strafbefehle – meist für Verkehrsdelikte –, 122 Anklagen gegen Jugendliche und Heranwachsende, 117 Ehescheidungen und 49 Zwangsversteigerungen.
1879 eingerichtet
Im Großherzogtum Oldenburg wurden die Amtsgerichte 1879 eingerichtet. Für die nördliche Wesermarsch war das Amtsgericht in Ellwürden zuständig, weil in Ellwürden auch die Verwaltung für das Amt Butjadingen saß. 1909 beschloss die oldenburgische Landesregierung die Verlegung des Amtssitzes und des Amtsgerichts nach Nordenham. Beide sollten in einem Gebäude untergebracht werden.
Die Planungen und die Bauleitung übernahm der großherzogliche Baurat Adolf Rauchheld (1868 bis 1932). Der Architekt orientierte sich stark am Jugendstil und legte den Bau als Gesamtkunstwerk an: Auch der Vorgarten wurde in die Planung einbezogen. Das Gebäude bekam die Form eines in Spiegelschrift geschriebenen L für Lex – das ist lateinisch für Gesetz. Die lange symmetrische Fassade wurde sachlich klar gegliedert und durch überwiegend vertikale Linien und Pfeilvorbauten betont.
Der dänische Bildhauer Wilhelm Larsen (1861 bis 1913) hat die Justitia-Figuren vor dem Portal und die Plastiken im Gebäude geschaffen: Hund und Katz‘ im Streit und ein Putto, der verweifelt Bücher stapelt. Schmuckstücke sind die bleiverglasten Fenster, die der Bremer Glasmaler Georg Karl Rohde (1874 bis 1959) geschaffen hat.
Am 13. April 1913 wurde das Amtsgericht nach knapp zweijähriger Bauzeit eingeweiht. 1933 ging die Amtsverwaltung an den neuen Kreissitz Brake, aber die Finanzverwaltung blieb bis zur Einweihung des neuen Finanzamt an der Walther-Rathenau-Straße Anfang der 90er Jahre. Dann erst konnte das prachtvollste Gebäude in Nordenham angemessen renoviert werden.
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