Ein lebendiges Bild der schrecklichen Zeit
Ausstellung Stellwände in der Stadtbücherei erinnern an die Judenverfolgung in Tschechien
Eva Kuzelova (rechts) vom Jüdischen Museum in Prag eröffnete in der Stadtbücherei die Ausstellung „Die verschwundenen Nachbarn" über Judenverfolgungen im Sudetenland und im „Protektorat Böhmen und Mähren“. BILD: Henning Bielefeld 
von Henning Bielefeld
Nordenham - Was waren das für Friedhöfe, an denen die Schüler immer vorbeigingen? Und warum konnten sie die Inschriften auf den Grabsteinen nicht lesen? Antworten auf diese Fragen bekamen sie damals, in der bleiernen Zeit des Kommunismus, nicht. Über Juden wurde in der Tschechoslowakei nicht gesprochen, auch die kommunistischen Herren pflegten ihren Antisemitismus.
Erst 1999, als die Demokratie schon fest im Sattel saß, machten sich Schüler auf die Suche nach den „verschwundenen Nachbarn“. Daraus ist eine Bewegung entstanden, ein landesweites Projekt in der Tschechischen Republik, das jetzt auch Nordenham erreicht. In der Stadtbücherei ist seit dem 18. November und noch bis zum 30. November die Ausstellung „Nachbarn, die verschwanden“ zu sehen. Am Montagabend wurde sie auch offiziell eröffnet.
Besuch aus Prag
Heike Krippner-Stahl war auch dabei, denn sie hat die Ausstellung nach Nordenham geholt. Bei einem Besuch in Prag hatte sie, wie berichtet, Eva Kuzelova kennengelernt, die das Projekt im Jüdischen Museum Prag betreut. Eva Kuzelova war ebenfalls da – um die Ausstellung zu eröffnen und um anschließend über „Jüdische Sitten aus der geschichtlichen Perspektive“ zu sprechen.
Die Juden in der heutigen Tschechischen Republik sind in der Nazi-Zeit massiv verfolgt worden. Los ging es im Sudetenland, das die Tschechoslowakei Ende September 1938 nach dem Münchner Abkommen an das Nazi-Reich abtreten musste, dann ging es im „Protektorat Böhmen und Mähren“ weiter, wie die Nazis die von ihnen im März 1939 eroberte „Rest-Tschechei“ nannten.
118 000 Juden lebten damals im sogenannten Protektorat, 80 000 von ihnen überlebten den braunen Terror nicht. Wie viele Juden es heute in der Tschechischen Republik gibt, konnte auch Eva Kuzelova nicht sagen. Denn einerseits werde die Religion in Tschechien nicht abgefragt, und andererseits wüssten viele Juden nicht, dass sie Juden sind. Auch das ist eine Folge des Judenhasses in kommunistischer Zeit. Denn wer Jude war und irgendwie den Naziterror überlebt hatte, behielt seinen Glauben für sich. Viele sprachen nicht darüber, auch nicht mit ihren Kindern oder Enkeln. Das Wissen ging einfach verloren, sagte Eva Kuzelova.
Auch in der Schule kam die Judenvernichtung durch die Nazis nicht vor. Das änderte sich erst in der demokratischen Zeit nach der „samtenen Revolution“ von Ende 1989. Doch einigen Lehrern reichte es nicht, ihren Schülern Filme vorzuführen und mit ihnen in Ausstellungen zu gehen. Sie starteten das Projekt „Nachbarn, die verschwanden“.
Die Schüler recherchierten in Archiven, im Internet, in alten Schulprotokollen, suchten und fanden über die Lokalzeitungen Zeitzeugen und entwickelten ein lebendiges Bild der schrecklichen Zeit. Dazu gehörten Fotos, Briefe, Tagebücher und die Aussagen von Zeitzeugen.
In den ersten beiden Jahren nahmen mehr als 100 tschechische Schulen teil, 50 vollendeten das Projekt. Aus den elf besten Arbeiten entstand die Ausstellung, die seitdem unterwegs ist – zunächst nur in Tschechien, bald auch im Ausland – und ständig erweitert wird.
Jochen Dudeck, der Leiter der Stadtbücherei Nordenham, sprach die Hoffnung aus, dass auch Nordenhamer Schüler ein solches Projekt starten.
Noch mehr „Stolpersteine“
Und der stellvertretende Bürgermeister Ulf Riegel erinnerte an die „Stolpersteine“, die der Kölner Künstler Gunter Demnig im September vor den Wohnungen der in der Nazizeit verschleppten jüdischen Mitbürger verlegt hatte. Die Liste der in Nordenham „verschwundenen Nachbarn“ sei keineswegs vollständig, und es sei wünschenswert, sie zu vervollständigen. Denn sich an diese Gepeinigten zu erinnern und ihre Namen zu nennen, sei das Einzige, das wir heute noch für sie tun könnten.
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