NORDENHAM, 28. Januar 2012


Alfred Kloda alarmiert alle am Telefon

Sturmflut Der frühere Landwirt wohnte nur 80 Meter vom Deich in Beckmannsfeld entfernt


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Der beschädigte Deich in Beckmansfeld wird nach der Sturmflut mit Sandsäcken verstärkt. BILD: Alfred Kloda  Bild vergrößern

Telefone waren 1962 selten. Gespräche wurden per Hand vermittelt.

von Henning Bielefeld

Nordenham - Alfred Kloda stand auf dem Deich und bekam es mit der Angst zu tun. Das neue Bollwerk gegen den Blanken Hans zitterte unter seinen Füßen. Der 34-jährige Bauer spürte den Stoß jeder Welle. Der Sturm blies so heftig, dass er kaum atmen konnte.


Wellen im Rhythmus
Etwas weiter südlich, wo der Deich noch nicht erneuert war, schwappten die Brecher über die Kappe und rissen immer wieder Erde aus der Binnenböschung. Alfred Kloda erkannte den Rhythmus: Sechs Wellen prallten am Deich ab, die siebte war so mächtig, dass sie über die Kappe schwappte. Er musste etwas tun, sofort.

Seit 1957 bewirtschaftete Kloda, der aus Danzig stammt, den 40 Hektar großen Bauernhof, der nur 80 Meter von Beckmannsfelder Deich entfernt lag. Er gehörte Georg Cordes aus Hohenberge. Am 16. Februar 1962 gegen 16 Uhr war ein Gewitter über dem Jadebusen aufgezogen, der Sturm riss 300 Pfannen vom Dach. Dann fiel der Strom aus. Der Bauer musste wieder mit der Hand melken, das Licht kam von seinem Trecker, einem PS starken Deutz.

Nach dem kurzen Ausflug auf den Deich setzte er sich bei Kerzenschein ans Telefon. Er bat das Fräulein von der Handvermittlung in Bremerhaven, seinen Apparat starr zu schalten – also auf Dauerbetrieb. Denn er wollte alle Verantwortlichen ohne Verzögerung anrufen. Das musste der Chef des Amtes genehmigen.

Und Alfred Kloda rief an: den Stollhammer Gemeindedirektor, der ihm kein Wort glaubte, Bürgermeister Emil Hunhold, der zu Hause Geburtstag feierte, Pastor Anton- Günther Gerdes, den er bat, die Glocken zu läuten, Oberkreisdirektor Bernhard von Kampen, der bei einer Tagung in Wilkens Hotel weilte, und den Dorfpolizisten von Stollhamm. Der war auf Zack: „Mein Mann ist schon unterwegs zum Deich“, sagte seine Frau. Ähnliches hörte Kloda, als er beim kommissarischen Vorsteher des Deichbandes Walter Mengers in Grebswarden: „Mein Mann ist schon nach Husumerdeich gefahren.“

Dann lief er zu seinen Nachbarn Ella Hinrichs und Wilhelm Bischoff und weckte sie, Hans Meiners rief er an. Plötzlich kam das THW auf seinen Hof. „Wir sollen hier ein paar Löcher im Deich stopfen“, sagte der Nordenhamer Ortsbeauftragte Fritz Thaden. „Wie viel Mann habt ihr denn?“, fragte Kloda. „35“, sagte Thaden. „Ihr braucht Tausende“, antwortete Kloda.

Noch vor dem Morgengrauen trafen Bundeswehrsoldaten in Beckmannsfeld ein und begannen Sandsäcke zu verlegen. Nachmittags meldete sich Wittmundhafen und kündigte vier Bundeswehr-Hubschrauber an, die Sandsäcke transportieren sollten. Doch sie blieben mit 90 Säcken voll beladen im Matsch stecken und wurden kurz darauf nach Hamburg abgezogen. Bald kamen neue Hubschrauber, die die Sandsäcke mit Netzen transportierten und nicht mehr auf dem weichen Boden landen mussten.

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Und die Bundeswehr übernahm auch das Telefon. Ein Spediteur aus Osnabrück rief durch und kündigte 30 Lastwagen mit Sand ein, ein Mühlenbesitzer aus Mannheim bot leere Mehlsäcke zum Kauf an.


Rechnung des Lebens
Wochen später bekam Alfred Kloda die Telefonrechnung seines Lebens: 946 Mark. „Da muss ich erst ‘ne Kuh verkaufen“, sagte er. Die Rechnung übernahm dann doch das Wasserwirtschaftsamt in Brake.

1964 gab Kloda den Hof auf und zog nach Nordenham.



 @ Spezial unter http://www.NWZonline.de/50-jahre-sturmflut


 

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