Experimente in der Musik-Hexenküche
Konzert Quatuor Bozzini in Exerzierhalle
Oldenburg - Huscht da nicht ein Fetzchen Mozart vorbei? Aus dem Jagd-Quartett? Zieht eine Fratze. Weg ist es. Weiter geht es im Streichquartett „Croissant“ des kanadischen Altmeisters Gilles Trembley. Banale Klassik-Zitate sind eigentlich in der Neuen Musik nicht mehr in Mode. Doch was heißt schon Mode? Es wird neu entworfen oder alt angedeutet, was die Aussage vertieft. Grenzenlos.
Das Quatuor Bozzini ist ein wundervolles Ensemble für Aussagen durch und über zeitgenössische Kompositionen. Bei der Reihe „Im Dialog“ von Klangpol, oh-ton und Staatstheater in der Exerzierhalle wartet das Quartett aus Montreal durchweg mit Werken des 21. Jahrhunderts auf. Clemens Merkel und Charles Etienne Marchand (Violine), Stephanie Bozzini (Viola) und Isabelle Bozzini (Violoncello) erkunden seit 1999 grenzenlose Klanglandschaften. Sie organisieren eigene Arbeitssitzungen mit jungen Komponisten. Mehr als 70 Werke wurden eigens für die Bozzinis entworfen.
Wenn das Quartett in James Tenneys „Arbor Vitae“ wie mit dem aus dem Unhörbaren kommenden Säuseln des Windes anhebt, wenn es wie in Bartoks Fächerfuge den Klang aufblättert und wieder zusammenfaltet, dann singen, sprechen und raunen Stimmen in atemberaubender Zartheit.
Die Ohren werden empfindsam und empfänglich für eine Klanglichkeit jenseits von Konsonanz und Dissonanz, aber voller Geheimnis und Überraschung. Sie werden nicht verkleistert vom satten, breiten Strich, vom Belcanto der Streicher. Abgetastet werden die Ränder von Instrumentarium und Klang. Die Weite, die sich auftut, macht staunen. Selten einmal leiern Flageolett-Ketten aus, verknäulen sich die Linien.
Doch ob Tremblay oder Tenney, oder auch die ebenso intime wie virtuose Gestik von Daryl Jamieson, Malcolm Goldstein oder Simon Martinez: Jeder Klangkosmos, alle Materialerprobungen scheinen sich einem großen Gedanken unterzuordnen.
Das Quatuor setzt eine leise, ruhig präzise, überlegte und hoch spannende Argumentation gegen eine verlärmte Welt. Da wird Neue Musik, auch ohne die vollkommene Entschlüsselung, zum Erlebnis.
Das Genre Streichquartett ist seit Haydn das Labor für die Musikentwicklung. Bis heute, 250 Jahre weiter, wirkt der Forscherdrang in dieser Hexenküche ungebrochen.
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