Mit Kopfhörer und Kamera
Premiere Theater Wrede zeigt Video-Spaziergang – Aktive Zuschauer
von Simone Wiegand
Oldenburg - Von Theaterstück kann man bei „Die Entdeckung des Verschwindens“ nicht sprechen. Also nennt man es Video-Spaziergang und hat doch keine Ahnung, was einen im Theater Wrede an der Klävemannstraße wirklich erwartet. Es beginnt damit, dass wir zu sechst draußen vor dem Eingang des Theaters stehen, bis die einstündige Vorstellung beginnt. Da öffnet eine Dame im silbrigen Weltraum-Mäntelchen die Pforten und wir treten ein – in das Institut für Wahrnehmung und Wirklichkeit.
Eine eloquente Institutsleiterin (Marga Koop) erklärt den Umgang mit Kopfhörer und Videokamera. Dann bittet sie Nummer 1 von uns, auf einem pinken Stuhl inmitten des Foyers Platz zu nehmen. Nummer 1 starrt fortan auf ihren Monitor, während sie über die Kopfhörer Musik hört und Anweisungen empfängt. Wie ferngesteuert verlässt Nummer 1 dann ihren Stuhl und folgt dem Schwenk der Kamera – hinein in einen der zahlreichen, folgenden Räume.
Nummer 2 bis 6 starten im Drei-Minuten-Takt. Ein kuscheliger Theaterabend zu zweit wird es also definitiv nicht. „Die Entdeckung des Verschwindens“, so der Titel des Spaziergangs, führt quer durch die Theaterstätte. Man folgt der Kamerafahrt auf dem Monitor, treppauf, treppab, nach draußen, in den Keller, über die Bühne, ja sogar aufs Klo. Da steht man dann amüsiert vor einer realen (sauberen) Kloschüssel, während im Film munter hinein gestrullt wird.
So geht das die ganze Zeit. Real hängen an einer Wand Bilder, im Video spielen sich darin Filme ab. Real steht man einsam auf einem Flur, im Video singt genau hier ein Flüchtling. Real sitzt man im Dunkeln auf einem Frisierstuhl, über Kopfhörer erfährt man vom Scannen des Gehirns – und nimmt ein beklemmendes Gefühl wahr.
16 Personen begleiten den Zuschauer durch den ungewöhnlichen Abend. Die einen sind freundlich gesinnte Wesen in silbrigen Mäntelchen, die anderen suspekte Wissenschaftler mit aufgeplustertem Glatzkopf. So geht keiner in den Katakomben des Theaters verloren. Im Gegenteil. Der Zuschauer wird selbst zum Gegenstand des Films.
36 Personen waren als Darsteller und Sprecher an der Verwirklichung des Videofilms beteiligt. Einigen Menschen begegnet man im Theater Wrede wieder, andere bleiben in der virtuellen Welt verschwunden. Und am Ende verschwindet man gar selbst – in einer Leinwand.
Winfried Wrede und Karl Heinz Stenz haben mit dem Video-Spaziergang ein Format geschaffen, das ebenso so skurril wie faszinierend ist. Da es nur im September auf dem Spielplan steht und danach erst einmal wieder verschwindet, lautet der Tipp für die kommenden Wochen: Unbedingt wahrnehmen.
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