Die Nacht, als die Synagoge brannte
Zeitgeschichte Lotte Janßen aus Eversten bekam die Ereignisse als Zwölfjährige mit
von Mirja Zipfel
Eversten - Verdrängen kommt für Lotte Janßen nicht in Frage. Obwohl es sicherlich vieles einfacher machen würde. Sie müsste sich nur an all das Schöne in ihrem Leben erinnern und könnte das Unschöne auf diese Weise einfach ausblenden. Aber Lotte Janßen will das nicht. Die Eversterin sucht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – auch noch nach 72 Jahren.
Was sich in der Nacht des 9. zum 10. November 1938 in Oldenburg zugetragen hat, gehört zu jenen schrecklichen Ereignissen, die die heute 84-Jährige wohl niemals vergessen wird. „Meine Freundin und ich sind Rollschuh gefahren, als wir hörten, dass die Synagoge in der Peterstraße in Flammen steht“, beginnt sie ihre Geschichte. „Wir sind sofort dahin. Und es stimmte: Sie brannte lichterloh.“
Feuerwehr griff nicht ein
Zwölf Jahre ist Lotte Janßen geb. Klees zu diesem Zeitpunkt alt. Eine Tochter aus gut behüteten Verhältnissen, die ganz plötzlich mit dem vollen Ausmaß der Nazi-Diktatur konfrontiert wird. Der Hass auf die Juden – er ist 1938 auch in Oldenburg angekommen. Lotte begreift noch nicht – zu jung ist sie bei der Pogromnacht. Doch was sie sieht, wirft Fragen auf: „Wir konnten nicht verstehen, warum die Feuerwehr nur das Nachbarhaus löscht, nicht aber die Synagoge und die Schule.“ Warum sie nicht eingeschritten ist? Weil es eine jüdische Schule war.
Am nächsten Tag kehrt Lotte mit ihrer Freundin an die Brandstelle zurück. Bis heute lässt sie die Erinnerung an diesen Moment nicht los: „In der Asche lagen Zeugnisse verteilt.“ Mit Noten und Namen jüdischer Kinder, die auf dem verkohlten Papier noch gut zu lesen waren. Was aus ihnen geworden ist, weiß Lotte Janßen nicht.
Ihre eigene Biografie ist eine andere. Eine, die rein äußerlich deckungsgleich ist mit der vieler deutscher Mädchen. „Ich war im Jungvolk organisiert.“ So wie alle aus der Klasse. „Nur eine Schülerin war dort nicht Mitglied“, erinnert sich die 84-Jährige. Warum nicht? Darüber wurde damals nicht offen gesprochen. Möglich, dass sie jüdischer Herkunft war. Welchen Grund hätte es sonst auch geben sollen? „Mitglied beim Jungvolk zu werden, war schließlich Pflicht.“ Und hat außerdem Spaß gemacht. „Wir haben viele Ausflüge unternommen, waren wandern, haben gesungen.“ Politisch sei es dort nicht zugegangen, sagt Lotte Janßen. „Dafür hatte man ja das Fach Heimatkunde in der Schule.“
Vater verteilte Flugblätter
Dem Vater war die Mitgliedschaft seiner Tochter beim Jungvolk dennoch ein Dorn im Auge. Lotte wusste das. Sie wusste auch, dass ihr Vater auf der anderen Seite stand. Seine Haltung gegenüber den Nationalsozialisten war eindeutig: „Er wollte nichts mit ihnen zu tun haben.“
Später – als sie sich schon mitten im Weltkrieg befanden - hat er nach der Arbeit Flugblätter geschrieben und verteilt. Auf die schwarze Liste hat ihn das gebracht. „Wir lebten in der Angst, dass man ihn eines Tages abholen würde.“ Der Vater hatte Glück. Entweder war ihm nichts nachzuweisen, oder er hatte Menschen im näheren Umfeld, die für ihn sprachen. Lotte weiß es nicht. Die Eltern versuchten weitestgehend, politische Gespräche vor den Kindern zu vermeiden. Um sie zu schützen. Nur wenig ist durchgesickert. „Ich habe meinem Vater sicher oft unrecht getan“, sagt Lotte Janßen heute.
Die Zeit zurückdrehen kann sie nicht. Über die Rolle ihres Vaters im Widerstand würde die 84-Jährige gerne mehr erfahren. Doch für Fragen ist es schon lange zu spät. Dafür gibt Lotte Janßen bereitwillig Antworten. Vor Schülern hielt sie bereits Vorträge. Weil sie mahnen will – und nicht verdrängen. „So etwas Entsetzliches darf sich nicht mehr wiederholen“, sagt die alte Dame energisch.
beginnt am Mittwoch, 10. November, um 15 Uhr. Teilnehmer sind willkommen.
ist der Innenhof der Landesbibliothek. Der Schweige- und Gedenkmarsch endet im Innenhof des Gefängnisses in der Gerichtsstraße.
Am Freitag, 12. November, findet um 20 Uhr in der Landesbibliothek ein Gespräch mit Noah Klieger über sein Buch „Zwölf Brötchen zum Frühstück. Reportagen aus Auschwitz“ statt.
und Gespräch mit dem Journalisten Karl Pfeifer am Dienstag, 16. November, um 19 Uhr in der Landesbibliothek. Veranstalter ist die Deutsch-Israelische Gesellschaft / Arbeitskreis Erinnerungsgang
Erinnerungsgang zum 72. Jahrestag
der Novemberpogrome 1938
Er beginnt am Mittwoch, dem 10. November 2010, um 15.00 Uhr.
Der Sammelpunkt ist der Innenhof der Landesbibliothek am Pferdemarkt.
Dieser schweigende Gang soll die Geschehnisse des 9. und 10. November 1938 in
Oldenburg ins Gedächtnis rufen und an die Verbrechen während der Nazizeit erinnern.
Zugleich soll er ein deutliches Zeichen setzen für Menschenrechte, Menschenwürde und
Frieden, gegen Krieg und Gewalt, gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen Rassismus und
Antisemitismus heute.
Der Gang endet im Innenhof des Gefängnisses in der Gerichtsstraße.
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