Großer Schweigemarsch gegen das Vergessen
Zeitgeschichte 1500 Bürger nehmen am Erinnerungsgang durch die Stadt teil – Pogromnacht vor 72 Jahren
von Mirja Zipfel
Oldenburg - „Ich gehe mit, weil ich verstehen will“, sagt Hermann Klasen. „Ich will wissen, wie das damals gewesen ist: Durch die Straßen getrieben und dabei angegafft zu werden“, schildert der Oldenburger seine Motivation, am 29. Erinnerungsgang teilzunehmen.
Mit dieser Meinung steht Hermann Klasen nicht alleine da: Rund 1500 Menschen, darunter sehr viele Jugendliche – haben sich am Mittwochnachmittag auf die Straße begeben. Die Marschroute ist vorgegeben: Es handelt sich um dieselbe Wegstrecke, die auch die 40 Männer jüdischen Glaubens am 10. November 1938 zurücklegen mussten. Am Tag, nachdem in ganz Deutschland die Synagogen brannten, wurden sie von den Nazis verhaftet und von der Polizeikaserne am Pferdemarkt durch die Innenstadt zum damaligen Landesgerichtsgefängnis getrieben. Ihre Frauen und Kinder sahen die meisten nicht wieder: Am nächsten Tag wurden sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen transportiert.
72 Jahre sind seitdem vergangen. Vergessen sind die Ereignisse jedoch nicht. Die Schüler der Haupt- und Realschule Osternburg haben den diesjährigen Erinnerungsgang vorbereitet. Parallel dazu stellen sie noch bis Montag, 15. November, in der Landesbibliothek Schülerarbeiten zum Thema aus. „Was geschah, ist eine Warnung. Sie zu vergessen, ist eine Schuld“, zitieren zwei Schülerinnen beim Auftakt der Veranstaltung im Innenhof der Bibliothek einen Ausspruch vom Philosophen Karl Jaspers.
Auch Beatrice Zimmermann, eine gebürtige Französin, hat sich dem Schweigegang angeschlossen. Sie gehört nicht zur Kriegsgeneration. Was damals passiert ist, beschäftigt sie dennoch: „Ich habe sehr viele Bücher über diese Zeit gelesen. Bis heute frage ich mich, warum so wenige Menschen Widerstand geleistet haben“, sagt sie.
Antworten wird sie darauf keine bekommen. Doch die Oldenburger Bevölkerung setzt ein eindrucksvolles Zeichen: Mit einer Lichterkette vom Julius-Mosen-Platz bis in die Innenstadt bringt sie ihr Wir-Gefühl und die Anteilnahme mit den Opfern zum Ausdruck.
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