Aus Oldenburg in die Welt
Handwerk Dachdeckergesellin Claudia Zauke geht in Kluft auf Wanderschaft
Auf Wiedersehen: Freunde und Familie winken Malte Gelhorn in Kluft und Claudia Zauke auf dem Schild hinterher. Drei Jahre darf die Gesellin nicht mehr nach Oldenburg kommen. So wollen es die Regeln der Zunft. BILD: Thorsten von Reeken 
von Sabine Schicke
Oldenburg - Umdrehen darf sich Claudia Zauke auf ihrem Weg jetzt nicht mehr: So verlangen es die überlieferten Rituale der Walz. Die 28-jährige Dachdecker-Gesellin geht für drei Jahre auf die Wanderschaft. Am Montag kletterte sie samt ihrem gedrehten Wanderstock und einem bunten Zunfttuch zum Abschied über das Oldenburger Ortsschild an der Bümmersteder Tredde. Wer weit in der Welt herumkommen will, darf sich nicht mit schwerem Gepäck belasten.
„Ich möchte bis nach Australien und Afrika kommen“, sagt Claudia Zauke, die in schwarzer Kord-Kluft und Zylinder an diesem Morgen noch ein Loch buddeln und eine Flasche Korn darin vergraben muss. Angst hat sie keine. Und auch ihr Vater, Dr. Gerd-Peter Zauke, Biologe am Institut für die Biologie und Chemie des Meeres, meint dazu: „Junge Leute müssen ihren Weg gehen. Gefahren gibt es überall.“
Die ersten Monate nimmt sie Zimmermann-Geselle Malte Gelhorn (25) aus Bad Oldesloe symbolisch an die Hand. Auch er hat den „Stenz“, wie der gedrehte Wanderstock im Jargon heißt, bei sich und seine Wechselklamotten im „Charlottenburger“, dem 80 mal 80 Zentimeter großen rotgrundigen Tuch verstaut. Malte mit seiner „Ehrbarkeit“, wie der rote Schlips genannt wird, gehört zum „Fremden Freiheitsschacht“ und kennt sich als sogenannter Altreisender gut aus mit den strengen Gebräuchen: Für Reise und Unterkunft etwa darf nicht gezahlt werden, Schulden dürfen nicht gemacht werden.
„Claudia darf sich auch in den nächsten drei Jahren Oldenburg nur bis auf 50 Kilometer nähern“, erklärt er. Allerdings ist der 1910 in Bern gegründete „Fremde Freiheitsschacht“ ein reiner Männerbund. Claudia Zauke kann dort nicht Mitglied werden, fühlt sich dem Bund aber verbunden, wie sie sagt. „Bei den Dachdeckern gibt es sowieso nur wenige Frauen“, erzählt sie, die in Hamburg ihre Lehre 2005 abgeschlossen hat und vorher in Oldenburg die Helene-Lange-Schule besuchte.
„Von anderen reisenden Dachdecker-Gesellinnen weiß ich nichts. Ich glaube, ich bin da die einzige Frau, die wandert“, sagt die schlagfertige Blondine. Die Freiheit an diesem Leben reizt sie und die Abenteuerlust – andere Länder und Menschen kennenzulernen.
Sollte sie in den drei Jahren nicht bis Australien und Afrika kommen, will sie weiterwandern.
Nach einem Abschiedsschluck kommt nun die Flasche Korn in die Erde. Geschmeidig schwingt sie sich auf das gelbe Ortsschild mit dem roten Querstrich. Hier endet Oldenburg. Und hier endet jetzt Claudia Zaukes Zeit in Oldenburg für die nächsten drei Jahre. „Und tschüss!“
Den Stenz geschultert, Seite an Seite mit Malte wandert sie in die Welt hinaus – und die beginnt erst einmal Richtung Sandkrug.
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