Unter Volldampf auf der Hunte
Geschichte Liniendienst 1845 eröffnet – Großherzog Paul Friedrich August liebte das Schöne
Schnelle Fahrt: Der Maler Theodor Presuhn hielt das Dampfschiff auf einem Aquarell fest. BILD: LGLN-Regionaldirektion Oldenburg 
von Thomas Husmann
Oldenburg - Seine Ankunft war eine Sensation: Tausende Oldenburger begrüßten Mitte November 1845 den dampfbetriebenen Raddampfer „Oldenburg“ der „Weser- & Hunte-Dampfschiffahrtsgesellschaft“. Kanonen schossen Salut, die Militärkapelle spielte, die Menschen sangen voller Stolz und Inbrunst „Heil dir, o Oldenburg“. Tageszeitungen hatten bereits Wochen vor dem Einlaufen das Ereignis angekündigt und die Stimmung angeheizt. „Da kummt dat Dampscheep“: Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
Neues Zeitalter
Die Menschen damals mögen den Tag damals als Aufbruch in ein neues Zeitalter gedeutet haben, glaubt Stadtführer Helmuth Meinken. Der 64-Jährige berichtet angereichert mit Bildern und alten Karten an jedem zweiten Donnerstag im Ratskeller in der Reihe „Ein Viertel nach Fünf“ vom Geschehen damals, das selbst Großherzog Paul Friedrich August tief beeindruckt hat. Zumindest schilderte er seiner Tochter Amalie, Königin von Griechenland, in einem Brief das Erlebte und ließ den Raddampfer unter Großherzoglicher Flagge mit Staatswappen fahren – eine Besonderheit und große Ehre. Durchlaucht hatte Sinn für das Schöne und liebte alles, was ihm das Leben schöner zu machen versprach. So war er auch der große Förderer des Theaters.
Kahnschiffer protestierten
Einzig die 19 in Oldenburg registrierten Kahnschiffer mit ihren kleinen Segelbooten brachten der technischen Neuerung auch aus Angst vor dem Ungetüm Widerstand entgegen. „Die Masten der Hunteschiffe zitterten vor Wut“, heißt es in einer Überlieferung. Doch Großherzog und Stadtmagistrat schenkten den Schiffern keine Beachtung, das moderne Dampfschiff durfte in Oldenburg festmachen – eine Aufwertung für die Stadt. Wohl auch als Dank durften der Großherzog und Vertreter des Stadtrates und Magistrats als erste mit dem Schiff fahren.
Der in Paris unter Leitung des Ingenieurs Henri Gache gebaute Raddampfer verband Oldenburg mit Elsfleth, die Eisenbahn gab es noch nicht, die Wege waren in einem schlechten Zustand, erzählt Meinken. Die vergleichsweise kurze nur eineinhalbstündige Reise auf der Hunte bedeutete für die Menschen damals eine große Verbesserung. In den Postkutschen war es eng und die Fahrt über holprige Wege wenig komfortabel, auf dem Dampfboot gab es sogar eine Restauration. In Elsfleth konnten die bis zu 50 Passagiere umsteigen und ihren Weg mit anderen Booten nach Bremen oder Bremerhaven fortsetzen.
Doch der tägliche Liniendienst nach Elsfleth gestaltete sich auf der noch nicht begradigten und vertieften Hunte schwieriger als erhofft. Gleich an den ersten Tagen trieb starker Wind das Dampfboot ans Ufer. Deshalb wurden neben den Radkästen Seitenschwerter montiert, um das Schiff zu stabilisieren. Dennoch saß das Schiff trotz seines nur 56 Zentimeter betragenden Tiefgangs öfter fest. Im Sommer lief es in der Nähe von Blankenburg an zwei Flussbiegungen häufig auf. Die Passagiere mussten dann aussteigen und nach Oldenburg laufen. Oder der Kapitän bat sie, in einer Acht über das Deck zu laufen, um den Raddampfer durch die Gewichtsverlagerungen wieder in Bewegung zu bringen. Der Anleger für den Dampfer befand sich zunächst in etwa dort, wo heute das Cinemaxx-Kino steht.
Bahn fuhr zuverlässiger
Das Ende der Dampfschifffahrt, die Gesellschaft ging übrigens 1857 im Norddeutschen Lloyd auf, wurde mit dem Bau der Eisenbahnlinie Oldenburg-Bremen eingeläutet, die am 15. Juli 1867 ihren Betrieb aufnahm. Die Oldenburger wählten die schnellere und (damals noch) zuverlässigere und pünktlichere Variante, um mit der Bahn nach Bremen zu kommen. Und als mit der Bahnstrecke Hude-Brake-Nordenham weitere Konkurrenz drohte, fiel der Entschluss, den Liniendienst einzustellen.
Ende des Jahres 1872 legte der Raddampfer nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit zum letzten Mal ab.
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