Von Norwegen bis zum Jakobsweg
Pilgerreisen Michael Schildmann wochenlang mit sich und Natur allein
von Thomas Husmann
Oldenburg - „Freude, aber auch eine große Leere“: Michael Schildmann hat diese gegensätzliche Gefühlslage schon zweimal durchlebt. Beim ersten Mal in Muxia, da ist er nach 42 Tagen auf dem Jakobsweg nach knapp 1000 strapaziösen Kilometern zu Fuß in Muxia am Atlantik angekommen. Zuvor hatte er in Santiago de Compostela, dem eigentlichen Ziel des Weges, vor dem angeblichen Grab des Apostels Jakobus gestanden.
Das zweite Mal machte der 62-Jährige vor dem Nidarosdom diese überwältigende Erfahrung. Da hatte er auf dem Olavsweg in 35 Tagen 650 Kilometer von Oslo nach Trondheim in Norwegen zurückgelegt. Was treibt einen Menschen an, derartige Strapazen auf sich zu nehmen, bei Wind und Wetter zu Fuß unterwegs zu sein, sich Blasen zu laufen, in einfachen Unterkünften, in Scheunen oder im Zelt zu übernachten?
„Ich habe über mich und das Leben nachgedacht“, beschreibt Schildmann seine Motivation. 2003 ist er schwer erkrankt. „Der Tod wird plötzlich greifbar“, erzählt der pensionierte Realschullehrer weiter. „Ein Denkprozess setzte ein. Wie gestalte ich mein Leben weiter?“ Eine Frage, für die er eine passende Antwort fand: Bewusster leben und die verbliebene Zeit nutzen.
Auf den Jakobsweg machte er sich im Jahr 2007. Unterwegs lernte er viele Menschen kennen, darunter eine Norwegerin vor dessen Haustür der in Vergessenheit geratene Olavs-Pilgerweg entlangführt. Schildmann war gleich Feuer und Flamme, „wollte wieder pilgern – auf neuen Wegen“.
Der Olavsweg kam ihm da grade recht, er wurde erst 1997 wieder eröffnet und 2010 in die europäischen Kulturstraßen aufgenommen. Der Pilgerweg geht auf König Olav II. Haraldsson zurück. Der Heilige König Olav wurde 1030 in Nidaros begraben. Der Nidarosdom wurde vermutlich über seinem Grab errichtet, er blieb im Mittelalter über Jahrhunderte hinweg Ziel vieler Pilger – geriet dann aber in Vergessenheit.
„Der Weg dorthin ist sehr anspruchsvoll“, erzählt Schildmann. Die Strecke führt bergauf, bergab, das Dovrefjell hat ihn dabei am nachhaltigsten beeindruckt. Nur vier Mal hat er unterwegs andere Wanderer getroffen. Was für ein Gegensatz zum Jakobsweg, der von Pilgern geradezu überlaufen ist.
Dennoch: „Unterwegs bin ich mit vielen Menschen in Kontakt gekommen, Norwegern, die mir offen und freundlich gegenüber getreten sind“, erzählt Schildmann. Sein Vater war als Soldat in der Gegend, die Offenheit der Menschen hatte dessen Sohn nicht unbedingt erwartet. Der Zweite Weltkrieg war kein Thema.
Doch nicht nur die Begegnungen mit anderen Menschen, auch die Erlebnisse in und mit der Natur seien beeindruckend gewesen. Schildmann: „Die Aussichten, die Landschaft, die Klarheit – einfach überwältigend.“ Wege gibt es kaum, man muss die weithin sichtbar und in der Landschaft verteilten Markierungspfeile im Auge behalten.
Die Wanderschaft hat Schildmann ausgefüllt. Nach vielen Wochen mit vorgegebenen Tagesaufgaben stellte sich für Schildmann am Ziel eine drängende Frage: „Was mache ich eigentlich morgen?“ Der 62-Jährige hat auch da für sich eine Antwort gefunden – er schreibt Bücher und hält Vorträge.
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