OLDENBURG, 27. Januar 2012


Bahnhofsplatz unter Wasser

Stadtgeschichte Sturmflut vom Februar 1962 in Oldenburg – Rettung aus alter Molkerei


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Nahverkehr am Ende: Auch der Bahnhofsvorplatz war durch die Sturmfluten völlig überspült worden, und die wenigen Pekol-Busse, die nicht als Hilfsfahrzeuge an der Küste im Einsatz waren, hatten Mühe voranzukommen. BILD: Archiv Bild vergrößern

Die „Stadt im Wasser“ musste keine Menschenleben beklagen. Der Schaden war allerdings immens.

von Klaus Fricke

Oldenburg - Zuerst flogen nur Hüte durch die Gegend, und keiner dachte sich was Schlimmes dabei. Dann flogen Dachpfannen von den Häusern, und es gab „Sturmfrei“ in der Graf-Anton-Günther-Schule, die gleich komplett abgedeckt worden war von einer Böe. Und als schließlich die Hängeampeln an der Umgehungsstraße in alle Richtungen Grün zeigten, wusste Oldenburg: Das ist kein gewöhnliches Winterwetter.

Der Sturm, der am 12. Februar 1962 über die Stadt kam, war in der Tat außerordentlich – und doch bereitete er nur den Weg für das, was folgte. „Vincinette“, die Siegreiche, diesen schönen Namen hatten die Meteorologen dem Sturm nach dem Sturm gegeben. „Vincinette“ hatte sich noch viel gewaltiger entwickelt als ihre namenlose Vorgängerin, und als sie in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar mit voller Wucht auf die deutsche Nordseeküste traf, begann eine der größten Naturkatastrophen überhaupt. Die berüchtigte Sturmflut von 1962 ließ auch Oldenburg nicht ungeschoren.

Immerhin: Im Gegensatz zu Hamburg und anderen Städten waren hier keine Toten zu beklagen und nur wenige Verletzte. Dennoch haben diejenigen, die dabei waren, die Bilder nicht vergessen, als vor allem die tiefliegenden Quartiere am Hafen, aber auch Gebiete nahe der Haaren unter Wasser standen – und für jede Menge Schäden sorgten.

Die Kraft von „Vincinette“ war eben zu groß. Der Sturm hatte Millionen Tonnen Nordseewasser in die Flüsse gedrückt, und diese konnten die Massen nicht mehr „verarbeiten“: Sämtliche Überflutungsflächen im Osten der Stadt liefen übervoll, die Sommerdeiche der Hunte wurden überspült, der Drielaker Pegel zeigte 3,43 Meter über Normal.

Erste Reaktion innerhalb der Stadt: geordnete Panik. Zweite Reaktion: Viele packen an. Feuerwehr, Katastrophenschutz und Bundeswehr schicken Lastwagen in die Straßen rund um den Hafen: „Sandsäcke! Wir brauchen jede Menge Sandsäcke!“, tönte es aus Megafonen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Klärwerk gegenüber von Brands Werft: „Die Pumpen dort müssen durchhalten, sonst gibt es auch Überschwemmungen in höher gelegenen Vierteln“, warnt Gerd Unruh vom Tiefbauamt der Stadt.

Es hilft nichts, das Bahnhofsviertel meldet am Sonnabend, 17. Februar 1962, früh „Land unter“. Der Chef des Großhandelshauses Lehm­kuhl am Bahnhofsplatz, Johann Lehmkuhl, sieht sich im Gebäude von Wasser eingeschlossen, und Angestellte im Gewerkschaftshaus an der Kaiserstraße müssen von gut ausgerüsteten Helfern per Huckepack aus ihrer nassen Umgebung befreit werden.

Ähnlich prekär ist die Lage an der Bloherfelder Straße. In der Molkerei, die sich damals dort befand, drückt die Flut Käse- und Butter-Pakete gegen die Kellerwand und zerstört nagelneue Maschinen. Die Leute in den Wohnhäusern nebenan werden unterdessen in Schlauchbooten in trockene Gebiete gebracht. Pekol-Busse fahren schon längst nicht mehr: 49 sind an der Nordseeküste im Einsatz, um dort Menschen in Sicherheit zu bringen.

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Oldenburg wurde zur Stadt im Wasser an jenem Wochenende. Vom Ohmsteder Polder platschte die Flut hinein in Klein Bornhorst, in Donnerschwee stand sie vor der Weser-Ems-Halle, in Blankenburg und Drielake waren riesige Flächen überschwemmt. Und vom Theaterwall aus zieht sich ein langgestreckter See bis weit nach Eversten.

„Vincinette“ hatte Oldenburg besiegt, erst Sonntagmorgen (18. Februar 1962) lief das Wasser wieder ab. Für die Feuerwehr begann das große Aufräumen: 161-mal mussten Keller leergepumpt werden.

 @  Spezial unter http://www.NWZonline.de/50-jahre-sturmflut




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