See in Bornhorst und Schaum im Keller
Stadtgeschichte Oldenburger erzählen von der Sturmflut 1962 – „Weltspiegel“ zur Erinnerung
Seenlandschaft: Der Bahnhofsvorplatz war nicht zu überqueren, ohne dass man nasse Füße bekam. BILD: Wilfried Rost 
von Klaus Fricke
Oldenburg - Der Winter von 1961/62 war ein eher milder, genauso wie die Winter direkt vor ihm. Bei einem Temperaturmittel von 2,12 Grad Celsius konnten die Oldenburger, die in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 von der großen Sturmflut überrascht wurden, sich fast noch glücklich schätzen, dass große Teile der Stadt nur „überschwemmt“ wurden und nicht auch noch einfroren.
Ein Jahr später, so hat Jörg Grützmann in seinem Buch „Die Winter in Oldenburg von 1899 bis 1999“ (Isensee-Verlag) nachgewiesen, wäre alles noch viel schlimmer gekommen. Der legendäre „Polarwinter“ von 1962/63 hatte mit 68 Eistagen (das sind Tage, an denen das Thermometer nicht über 0 Grad hinauskommt) und einer Durchschnittstemperatur von minus 1,34 Grad rekordverdächtige Daten aufzuweisen.
In seiner jugendlichen Unbekümmertheit hätte sich Ralf Bunjes solchen Frost gern ein Jahr früher gewünscht. Als Elfjähriger erlebte er die Sturmflut in Klein Bornhorst mit – und als am 17. Februar das Wasser gegen Mittag zum Stillstand kam, blieb auf dem Ohmsteder Feld (heute Bornhorster Wiesen genannt) ein riesiges Überschwemmungsgebiet zurück. Ein Paradies für Schlittschuhläufer – wäre es nur kalt gewesen. Doch die Flut erstarrte nicht, Ralf Bunjes, der damals in Groß Bornhorst wohnte, schnappte sich seine Kleinbild-Kamera und knipste Klein Bornhorst als Klein-Venedig.
Was für Kinder ein großes Abenteuer war, bedeutete für die Erwachsenen Stress, Angst und Einsatz bis an den Rand der Erschöpfung. Das Wasser hatte viele tiefliegende Häuser umspült, Nachbarn halfen sich gegenseitig, das Vieh und die Möbel ins Trockene zu schaffen. Am Ende waren „nur“ vier Häuser komplett vollgelaufen (Wasserstand in den Räumen: 80 Zentimeter).
Karl H. Gries (heute 77) erlebte die Flut dagegen mehr im Stadtinneren. Der damalige Bad Zwischenahner war am Morgen des 17. Februar 1962 auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle bei „Berndt Büromaschinen“ in der Achternstraße und bekam schon in der Bahnhofshalle nasse Füße. „Sehr ungewöhnlich, dass es hier feucht ist“, dachte er noch – und staunte kurz darauf noch viel mehr: „Fast der ganze Bahnhofsvorplatz war ein riesiger See!“
Und das Staunen begleitete Gries weiter: In der Kaiserstraße zum Beispiel schäumte es meterhoch aus Kellerfenstern eines Großhandelsgeschäfts – Waschpulver, das im Keller lagerte, hatte sich im Hochwasser aufgelöst und war so „aktiv“ geworden. „Zur unverschämten Freude mancher Passanten und auch meiner“, gesteht Karl H. Gries heute.
Dabei hatte er längst nasse Füße, durchnässte Socken, Schuhe und Hosenbeine. „Acht Stunden Arbeit in nassen Klamotten, die nur sehr langsam trockneten – das war ein Erlebnis, das ich bis heute nicht vergesse“, meint Gries.
Gegen das Vergessen klebte derweil Lutz Pappermann. Der damals 14-Jährige legte einige Tage nach der Sturmflut einen „Weltspiegel“ an. So nannte er das Heft, in dem er – als Aufgabe im Schulunterricht – seine Erinnerungen an die Katastrophe vom 16./17. Februar 1962 festhalten sollte. Tagelang schnitt er Zeitungsartikel aus, klebte sie ins Heft, tippte einen Text dazu und füllte den Rest des Heftes mit Artikeln zum ersten US-Weltraumflug vom John Glenn (20. Februar 1962). Klar, dass Lutz Pappermann seinen „Weltspiegel“ 50 Jahre lang in Ehren gehalten hat.
@ Spezial unter http://www.NWZonline.de/50-jahre-sturmflut
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