OLDENBURG, 9. Februar 2012


Prüfungsstress und Angst vor Strom

Stadtgeschichte Arbeitsalltag während der Sturmflut 1962 – Heißes Wasser nur vom Kohleherd


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Nasser Nahverkehr: In der Gottorpstraße fuhr noch einer der Pekol-Busse, die nicht im Noteinsatz waren. BILD: Dieter Richter  Bild vergrößern

Vielen Menschen ist der ungewöhnlich starke Sturm in Erinnerung geblieben. Retter waren überall im Einsatz.

von Klaus Fricke

Oldenburg - Die Naturkatastrophe, die in einer Nacht auch in Oldenburg so vieles zerstörte, war kein Wochenendereignis. Der Freitag (16. Februar) war im Jahr 1962 ebenso ein Arbeitstag wie der Sonnabend (17. Februar), die Bürger kämpften sich durch Jahrhundertsturm und endlosen Regenfällen – das Leben ging irgendwie weiter.

Helmut Freiwald (heute 85) befand sich in eben dieser Situation, und die empfand er schon als „dramatisch“. Freiwald war als junger Dozent an der Pädagogischen Hochschule (PH) an der Peterstraße tätig und hatte schon am 16. Februar einen abenteuerlichen Weg zum Arbeitsplatz gehabt: Gegen die Sturmböen sei er kaum angekommen, und in der Peterstraße sei er nur knapp einem herabfallenden dicken Ast entkommen.

Der 17. Februar 1962 war für Freiwald aber noch aus einem anderen Grund wichtig: An jenem Sonnabend sollten erstmals Prüfungen in Po-litikwissenschaft abgenommen werden, vier Studenten warteten auf die Fachprüfung am Ende ihres Lehramtsstudiums.

Dass Dozent Freiwald aber überhaupt die Prüfung abnehmen konnte, grenzte an ein Wunder. Morgens schon „wütete der Sturm“, berichtet er, Fahrrad fahren sei unmöglich gewesen. Und da auch die Firma Pekol ihre Busse zum Noteinsatz in die Wesermarsch geschickt hatte, machte sich Freiwald zu Fuß auf den Weg.

Sicher und gesund in der PH angekommen, bemerkte er schnell, dass nur drei Prüflinge anwesend waren. Trotzdem begannen die jeweils 20-minütigen Befragungen – „doch auf einmal stand der vermisste Student vor mir, außer Puste und mit hochrotem Kopf“. Der Grund der Verspätung war sturmflut-bedingt: Er war zunächst fälschlicherweise ins neue PH-Gebäude an der Ammerländer Heerstraße gegangen – wo eine riesige Überschwemmung zu sehen war. Der Student wurde gewarnt: Wasser sei in den Keller gelaufen, das Gebäude stehe unter Strom. Der junge Mann hatte zwar den Beginn der Prüfung verpasst, war aber dennoch froh, einem möglicherweise tödlichem Stromstoß entgangenen zu sein. „Und die vier Prüfungen gingen alle gut zu Ende – trotz des heftigen Rüttelns des Sturms am Fenster“, blickt Helmut Freiwald zurück.

Über zu wenig, besser über fehlenden Strom im Haus klagte derweil die damals 35-jährige Änne Behrends. Sie wohnte mit ihrer Familie nahe des Osternburger Kanals und machte sich am 16. Februar 1962 auf den Weg, ein Hochzeitsgeschenk zu besorgen. Doch bereits an der Cäcilienbrücke gab sie den Plan auf: Der Sturm („für mich ein Orkan“) hatte ihr den Regenschirm entrissen; das gute Stück ging kaputt. Wieder daheim angekommen, bemerkte Änne Behrends den Stromausfall. Fortan mussten sich die Hausbewohner auf einem kleinen Kohleherd in der Küche das Wasser heiß machen, erzählt sie. „Und ich war froh, dass ich mein Baby in der warmen Küche versorgen konnte.“

Draußen hielt unterdessen der Sturm unvermindert an. „Bäume wurden entwurzelt, Dächer abgedeckt – es war die Hölle“, meint Änne Behrends rückblickend. Alle Rettungskräfte wurden auch in Oldenburg gebraucht, das Technische Hilfswerk verteilte Sandsäcke, und ein Bundeswehr-Hubschrauber sei unterwegs gewesen: „Am nächsten Tag begann eine lange Zeit, um alle Schäden zu beseitigen.“

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