Von Cäcilienschule ins Traumland USA
Austausch Julia Bohlen sammelt nach Abitur ein Jahr Erfahrung in den Staaten
Endlich in New York: die Oldenburgerin Julia Bohlen zu Beginn ihrer Zeit in den USA, kurze Zeit später ging es – für sie überraschend – schon nach Florida weiter. BILD: Julia Bohlen 
von Julia Bohlen
Boston - Bereits während meines Abiturs habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie es wohl danach weitergehen werde. Nach einigem Hin und Her dann aber schnell der Entschluss: ein Jahr „Pause“ im Ausland. Ich wollte raus aus Oldenburg, neue Leute kennenlernen, meine Englischkenntnisse verbessern, die Welt sehen und dabei viel über mich selbst lernen und erfahren. Nach langer Recherche und unter Berücksichtigung der Vielfalt der Programme wie AuPair, Work and Travel etc, habe ich mich für das Programm „Educare“ (childcare+education) entschieden, welches eine gewisse Stundenzahl an Kinderbetreuung innerhalb der Gastfamilie vorsieht und einem gleichzeitig die Möglichkeit gibt zu studieren. Nebenbei hat man noch viel Zeit zu reisen und das Land zu erkunden. Das war für mich genau das richtige und schon schnell ging es von einer Online-Anmeldung, über ein persönliches Interview bis hin zur Suche der Gastfamilie. Die Agentur unterstützt dich bei jedem Schritt und hilft dir bei Fragen und Problemen. Die Voraussetzungen, dass man 18 Jahre alt ist, einen Führerschein besitzt, schon einmal eine gewisse Stundenanzahl an Kindererfahrung gesammelt hat und bereits gute Englischkenntnisse hat, waren bei mir erfüllt und somit ging meine Bewerbung schnell an die suchenden Gastfamilien in Amerika.
Während des 1-jährigen Aufenthaltes dort hilft man der Gastfamilie den Alltag der Kinder, welche in dem Educareprogramm über 6 sind, zu organisieren, diese zur Schule zu bringen, zu Aktivitäten zu fahren und bei Hausaufgaben zu helfen. Dafür bekommt man ein wöchentliches Taschengeld von 150 Dollar und die meisten Gastfamilien versorgen dich mit einem eigenen Auto und einem Handy. Man lebt in seinem eigenen Zimmer, nimmt an den Mahlzeiten teil und lebt wie eine große Schwester als Familienmitglied in der Familie. Diese sind natürlich von der Agentur geprüft und auch wenn man merkt, dass die Chemie doch nicht so passt, hat man die Möglichkeit eine neue Familie zu suchen.
Nach einem wochenlangen Prozess der Familiensuche, welches nächtelanges Skypen und viele Emails und Telefonate beinhaltete, war die perfekte Familie für mich gefunden. Nach Telefonaten mit ca. 10 verschiedenen Gastfamilien stand die Entscheidung auf beiden Seiten fest. In New Jersey sollte nun mein neues zu Hause für ein Jahr sein. Neben dem Abitur habe ich mich um restliche Sachen gekümmert, sowie die Abholung meines Visums in Berlin und letzte Erledigungen vor der Abreise. Die Zeit verging wie im Fluge und schon stand ich am Flughafen in Hamburg, ging durch die Sicherheitskontrolle und nach 8 Stunden in der Luft stand ich am Flughafen in New York. Die ersten Tage verbrachte ich mit hunderten anderen Mädchen aus der ganzen Welt, welche sich für das AuPair oder Educare Programm entschieden haben in einem Hotel bei New York, wo wir auf das amerikanische Leben vorbereitet wurden und Seminare belegten. Nach den 4 Tagen, in denen ich schon tolle Freundschaften geschlossen habe, einen Erste Hilfe Kurs belegt habe und viel über die Kultur und den Umgang mit den Kindern erfahren habe, ging es dann weiter zur Gastfamilie.
Mit dem Zug fuhr ich von New York nach New Jersey und schon nach einigen Stunden konnte ich meine „zweite Familie“ in die Arme schließen. Ich fühlte mich ab dem ersten Tag als würde ich dort schon 10 Jahre leben und habe mich direkt wohl gefühlt. Nach einem aufregenden Sommer in New Jersey, bei dem Tagestrips nach Philadelphia, New York City oder zum Strand keine Seltenheit waren, brachte eine Nachricht meiner Gastfamilie meinen Alltag jedoch ein bisschen durcheinander. Sie sagten mir, sie würden auf Grund ihrer Jobsituation in einem Monat nach Florida umziehen. Natürlich würde ich mitkommen, aber leider sei das „Educare Programm“ in dem Staat nicht vertreten und ich müsse die Familie wechseln. Zuerst brach für mich eine Welt zusammen, doch dann hat sich die Situation mehr und mehr normalisiert. Ich habe den Umzug mitgemacht und habe weitere zwei Monate mit meiner Gastfamilie in Florida gelebt. Mein Fensterblick auf Meer und Palmen hätte keiner ersetzen können aber dennoch musste ich mich auf die Suche nach einer neuen Gastfamilie machen. Mit Hilfe meiner Gasteltern und der Agentur habe ich nach Gesprächen mit vielen Familien meine jetzige Gastfamilie gefunden, welche in Boston, Massachusetts lebt. Mir blieben noch 3 sonnige Wochen, bis zu meinem Abreisetag, welcher traurig war, ich aber nun zurückblickend sagen kann, dass ich froh bin diese Zeit gehabt zu haben und mit meiner alten Gastfamilie Freunde fürs Leben gefunden habe, die immer einen Platz für mich frei haben und ein offenes Ohr haben, wenn es was zu berichten gibt. Wir telefonieren immer noch wöchentlich und sehen uns oft per Skype.
Nach kurzer Eingewöhnungszeit in meiner neuen Gastfamilie, kam endlich etwas Routine in meinen Alltag und schnell konnte ich mein Studium beginnen. Meine günstige Wohnlage ermöglicht es mir, einen Kurs auf der Harvard Universität zu belegen. Bei einer Auswahl von sehr vielen Kursen habe ich mich für Psychologie entschieden und stecke nun mitten im Frühlingssemester. Man nimmt ganz normal an dem Kurs teil, erzielt jedoch keinen Abschluss. Dennoch ist es eine tolle Erfahrung und hat mich persönlich schon bei meiner Studienwahl beeinflusst, da ich überlege ein Psychologiestudium anzufangen, wenn ich zurück bin. Die Gastfamilie unterstützt mich mit 1000 Dollar Studiengeld während meines Jahres in Amerika und hilft zusammen mit einer Betreuerin, die das ganze Jahr über für dich da ist, bei der Anmeldung und weiteren Fragen.
Wenn ich nicht in der Uni bin oder mit den Kindern arbeite, bleibt ausreichend Zeit für Shoppen, Sport und das Organisieren von Reisen und Trips. An den Wochenenden unternehme ich immer etwas mit meinen Freunden, die man anfangs auf organisierten Treffen kennenlernt, wo alle Aupairs und Educares aus der gleichen Region zusammenkommen. Wochenendtrips nach New York, Philadelphia, Washington DC oder den Niagarafällen sind zum Normalfall geworden und für ein langes Wochenende nach Florida zu fliegen oder nach Canada zu fahren ist auch keine Seltenheit mehr. Zusätzlich hat man noch 2 Wochen Urlaub innerhalb des Jahres und einen Reisemonat, der einem am Ende des Jahres zur Verfügung steht. Meine Freunde und ich planen bereits eine Tour durch Kalifornien um uns vor unserem Rückflug noch Städte wie Los Angeles und San Francisco anschauen zu können. Bis es so weit ist, liegen jedoch noch einige Monate vor uns, in denen wir noch viele weitere Reiseziele haben und Sachen wie Fallschirmspringen und Roadtrips auf eigene Faust nicht auslassen wollen.
Nach Highlights wie Weihnachten am Strand von Florida und Sylvester bei der größten Party der Welt am Times Square kann man von den Erlebnissen nicht genug kriegen. Schon jetzt kann ich zurückblickend sagen wie viel ich gelernt habe, ob es meine Sprachkenntnisse sind oder die interkulturelle Kompetenz. Ich habe Leute aus vielen verschiedenen Ländern und vor allem Freunde aus ganz Deutschland kennengelernt, mit denen ich jetzt schon viele Abendteuer in Deutschland geplant habe, wenn wir zurück sind. Des Weiteren habe ich viel über mich selbst erfahren, bin toleranter und kompromissbereiter geworden und habe vor allem Selbstständigkeit und Selbstvertrauen als großen persönlichen Gewinn. Natürlich war das nicht von Anfang an so und kommt erst nach und nach. Ich erinnere mich nur zu gut an die Tage, als ich mit leerem Tank, vergessenem Handy und ohne Orientierung auf den Highways von New Jersey rumgeirrt bin und nicht wusste, ob ich jemals wieder zu Hause ankommen würde. Aber nun kann ich drüber lachen und weiß, wie sehr ich an solchen Situationen gewachsen bin. Das Abenteuer in ein fremdes Land zu gehen, so viel zu sehen, erfahren und zu lernen lege ich jedem ans Herz und gönne jedem diese Erfahrung.
Ich genieße jede Sekunde meines Auslandaufenthaltes, bin aber dennoch froh in einem halben Jahr meine Familie wieder in die Arme zu schließen.
Julia Bohlen ist über die Agentur AIFS in die USA gegangen, weitere Anbieter sind etwa YFU, EF, iST, AFS, GLS und ICX sowie Rotary.
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