WILHELMSHAVEN, 30. August 2010


Udo Haupert: „Auf einmal ist man nichts mehr wert“

Montagsdemo Sechs Jahre Protestveranstaltung gegen Hartz IV auf der Rambla – Jeder kann reden


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Sechs Jahre Montagsdemo: Udo Haupert (vorne) ist Demonstrant der ersten Stunde und neben Conrad von Pentz (hinten) Moderator der Protestveranstaltung. BILDer: Lübbe  Bild vergrößern

sg

Wilhelmshaven - „Nein“, sagt Udo Haupert und schüttelt gelassen den Kopf. Die monatliche Arbeitslosenstatistik schaue er sich schon lange nicht mehr an. Wenn es nach den trockenen Zahlen geht, gehört er mit seinen 63 Jahren längst nicht mehr offiziell dazu. Mit 58 Jahren wurde er herausgerechnet. Von der Grundsicherung, Arbeitslosengeld II (Hartz IV), muss er trotzdem leben.

Seit 18 Jahren ist Udo Haupert arbeitslos. „Man muss sich zeigen, präsent sein. Und wir müssen öffentlich machen, dass wir dagegen sind“, sagt er. Deshalb besucht der 63-Jährige die wöchentliche Montagsdemo an der Nordseepassage, greift selbst zum offenen Mikrofon. Er improvisiert. Zu erzählen hat Haupert genug: „Weg mit Hartz IV – Wir sind das Volk“ ist das Motto der Protestveranstaltung, die seit sechs Jahren regelmäßig stattfindet. Ein Grund zum Feiern? „Ja“, sagt Haupert. „Es ist traurig, dass wir das sechsjährige Bestehen begehen müssen. Aber es ist gut, dass wir es machen.“

Haupert ist Demonstrant der ersten Stunde. Ein Mann mit langen Haaren und grauem Rauschebart, der vor 13 Jahren nach Wilhelmshaven kam. Früher hat Haupert schon mal vor Kindern den Piraten gespielt – im Piratenamüseum. Als freischaffender Künstler hat er sich versucht, fotografiert und Gedichte geschrieben. „Ich habe vieles gemacht, aber eine feste Anstellung hat sich nie ergeben“, sagt der studierte Informatiker.

Haupert war 45, als er seinen Job verlor. Vor 18 Jahren war das – in Zeiten vor den sogenannten Hartz-Reformen. Er arbeitete für ein Hamburger Software-Unternehmen, unter anderem im Kundendienst. „Ich habe sehr gut verdient.“ Die Erkenntnis, tatsächlich arbeitslos zu sein, hätte Zeit gebraucht. „Auf einmal ist man nichts mehr wert, das konnte ich nicht verstehen.“ Eine neue wertvolle Aufgabe fand er bei der Arbeitsloseninitiative Wilhelmshaven-Friesland (Ali) und ließ sich zum ehrenamtlichen Berater ausbilden, um wenigstens anderen Betroffenen helfen zu können. Heute noch begleitet er gelegentlich Betroffene zu Terminen ins Jobcenter.

An die Anfänge der Montagsdemonstrationen erinnert sich der 63-Jährige gut. Der Name war abgeleitet von jenen Protesten in der DDR, mit der Bürger letztlich einen großen Beitrag zur Wende leisteten. Das wollten auch die Arbeitslosen, als sie am 26. Juli 2004 erstmals auf die Straße gingen. In Magdeburg kamen 800 Menschen zur ersten Montagsdemo gegen das geplante Hartz-IV-Gesetz zusammen.

Drei Wochen später fand auf Initiative einiger Mitglieder der Ali die erste Kundgebung an der Nordseepassage statt – mit rund 200 Menschen. In ganz Deutschland waren es rund 250 000 in 200 Städten. Heute hat Conrad von Pentz, Mitglied der marxistisch-leninistischen Partei Deutschland (MLPD), offiziell die Organisation übernommen, meldet die Kundgebung regelmäßig bei der Stadt an.

Das Thema Hartz IV und die damit verbundenen Probleme seien immer noch aktuell – nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die Berechnung der Regelsätze als verfassungswidrig erklärte, sogar aktueller denn je. Die Bundesregierung hätte weitere Verschlechterungen für Betroffenen beschlossen: Streichung des Elterngeldes und Rentenversicherungsbeitrags, des Heizkostenzuschusses sowie kommunale Kürzungen. „Gleichzeitig debattiert sie über eine Erhöhung des Regelsatzes, verbunden mit einer diskriminierenden teilweisen Umstellung auf zweckgebundene Gutscheine“, kritisieren Haupert und von Pentz als Moderatoren der Kundgebungen.

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Es sei schon ein großer Erfolg, wenn Passanten einen Augenblick stehen bleiben und zuhören, sagt Haupert. „Das Mikrofon ist offen für alle.“ Er weiß, dass sich Arbeitslose nur schwer mobilisieren lassen, um für die eigenen Rechte zu protestieren. „Es erfordert viel Kraft zu sagen: Das ist mein Recht.“ Er selbst habe mehrere Klagen am Sozialgericht eingereicht. Es geht um die Kosten der Unterkunft. „Es sind zwar längst keine 200 mehr, die jede Woche auf die Rambla kommen, aber ebenso wie in rund 120 anderen Städten ist die Montagsdemo auch in Wilhelmshaven immer noch quicklebendig.“

Treffpunkt ist immer montags 17.30 Uhr, auf der Rambla, Bahnhofstraße Ecke Parkstraße.






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