Bei bestimmten Namen fällt die Klappe
Pädagogik Professorin Astrid Kaiser erklärt Auffälliges und Widersprüchliches ihrer Lehrerstudie
von Thomas Hellmold
FRAGE: Frau Professorin Kaiser, wie sind Sie darauf gekommen, einen Zusammenhang zwischen Vornamen und Notengebung in der Grundschule untersuchen zu lassen?
KAISER: Ehrlich gesagt deshalb, weil ich selber viele Jahre lang Lehrerin war und mich damals über mich selbst geärgert habe, weil bei bestimmten Vornamen bei mir sozusagen die Klappe runterging.
FRAGE: Und solches vorurteilbehaftete Reagieren ist auch heute noch gängige Schulpraxis?
KAISER: Ich habe mit vielen, vielen Lehrerinnen und Lehrern gesprochen und festgestellt, dass es denen genauso geht wie einst mir. Der einzige Unterschied: Damals waren andere Namen negativ besetzt.
FRAGE: Ihre Studentin Kirsten Becker hat in einer Internetbefragung 168 Benotungen ausgewertet. Mit welchem Ergebnis?
KAISER: Es hat sich bestätigt, dass die soziale Herkunft des Kindes zumindest unterbewusst im Benotungsverhalten der Lehrer eine Rolle spielt. Ein Schüler aus „gutem Hause“ hat es offenbar automatisch etwas leichter als ein Schüler aus problematischen Verhältnissen.
FRAGE: Inwiefern spielt der Name dabei eine Rolle?
KAISER: Eltern aus einfachen Verhältnissen wählen für ihre Kinder sehr viel häufiger Vornamen aus, die eher negativ konnotiert sind wie Kevin oder Justin bei den Jungs oder Mandy oder Celina bei den Mädchen. Das hatte ja schon unsere Vorgängerstudie aus dem vergangenen Jahr gezeigt. Die Folgen die sich aus den Namensvourteilen ergeben, hatten wir damals aber nicht untersucht.
FRAGE: Sie meinen den Zusammenhang zwischen Vorurteil und Benotungsverhalten der Lehrer?
KAISER: Ja, genau.
FRAGE: Die Masterarbeit hat auch herausgefunden, dass die Unterschiede in der Notengebung nur geringfügig sind. Wie erklären Sie das?
KAISER: Im Durchschnitt sind sie geringfügig, bei den Jungen stärker als bei den Mädchen. Bei den Jungen schneiden die Kevins in der Summe etwas schlechter ab als die Maximilians oder Alexanders. Bei den Mädchen zeichnet sich ein überraschender Wandel ab: Es gab sogar Vorteile bei der Vergabe von Noten, wenn es sich um negativ etikettierte Vornamen handelte.
FRAGE: Es hat aber nicht der Schüler X zwei Punkte und die Schülerin Y neun Punkte bekommen?
KAISER: Solche krassen Unterschiede gibt es allgemein in der Benotung von Arbeiten grundsätzlich immer wieder. Aber das war nicht Gegenstand unserer Untersuchung im Zusammenhang mit den Vornamen. Sie förderte leichte Schwankungen zutage, aber unter dem Strich waren die Unterschiede so marginal, dass sie im Schulnotensystem nicht einmal eine viertel Note ausmachen.
FRAGE: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie denn aus der Studie?
KAISER: Wenn das Vorurteil bei einer Lehrkraft mehr ausgeprägt ist, schlägt es auch stärker durch. Die Vorurteile haben aber deutlich weniger Auswirkungen auf die Noten. Vielleicht wird in der Lehrerschaft inzwischen gründlicher darüber nachgedacht. Das kann ich zwar nicht belegen, aber ich hoffe, dass die Lehrerinnen und Lehrer noch weniger als früher sozusagen „nach Vorurteilen“ benoten. Vielleicht lassen sie sich nochmals dazu animieren, ihre eigenen Vorurteile zu überprüfen, so dass sie sicher sind, dass der Name – ob positiv oder negativ etikettiert – keinerlei Auswirkung auf die Notengebung hat.
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