SEDELSBERG, 5. Januar 2012


Hilferufe der Kinder zu spät erhört

Therapie Psychologen in der Region ausgelastet – Bedarf soll jetzt neu berechnet werden


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Warten auf einen Therapieplatz: Für traumatisierte Kinder Zeigen, wenn keine Wörter da sind: Kinder drücken erlebte Gewalt oft über Bilder aus. BILD: BILD: dpadpa  Bild vergrößern

Die Betroffenen harren monatelang aus. In dieser Zeit können Symptome bereits chronisch werden, sagen Experten.

von Anna Zacharias

Sedelsberg - Bärbel Dückert* hält den Kaffeebecher mit beiden Händen umschlossen. Die 48-jährige Mutter sitzt an einem langen Holztisch im Esszimmer ihres Einfamilienhauses in Sedelsberg (Landkreis Cloppenburg) und spricht über ihre Pflegetochter. Nach acht Monaten Suche hatte die Familie endlich Glück: Sie hat einen Therapieplatz für Yvonne* gefunden.

Was die Siebenjährige durchgemacht hat, kann die Pflegemutter nur erahnen. „Wenn Kinder ihren Eltern weggenommen werden, muss schon einiges an Gewalt und Missbrauch vorgefallen sein“, sagt sie und blickt kurz auf den Milchschaum hinunter, der auf ihrem Kaffee knistert. Bärbel Dückert ist Erzieherin. Sie hatte bereits zwei eigene Kinder, als sie und ihr Mann die viereinhalbjährige Yvonne in ihre Familie aufnahmen.


Rollenspiele mit Puppen
„Bei Kindern zeigt sich das Erlebte zeitverzögert. Die Gewalt, die Yvonne früher erlebt hat, kam irgendwann zum Vorschein. Sie hat kommuniziert, indem sie das, was sie erlebt hat, mit ihren Puppen gemacht hat. Da stößt man selber an Grenzen“. Die Stimme der kräftigen Frau wird leiser, als sie das sagt. Acht Monate lang musste die Familie auf einen Therapieplatz warten, bevor ihrer Tochter geholfen wurde.

Seit etwa anderthalb Jahren ist Yvonne jetzt schon in einer tiefenpsychologischen Therapie bei der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Ute Vogt in Ramsloh. „Das Mädchen wurde früh vernachlässigt und hatte in seiner Ursprungsfamilie Gewalterfahrungen“, erklärt Vogt. Sie ist Mitglied des Qualitätszirkels der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten Oldenburg, der die mangelhafte Versorgungslage bei Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche beklagt.

„Die alltägliche Situation in einer Psychotherapiepraxis für Kinder sieht folgendermaßen aus: Es kommen pro Woche zwei bis acht Nachfragen von Eltern, die Hilfe suchen. Viele rufen zehn bis 20 Kollegen im Umkreis bis 60 Kilometer an“, berichtet sie.

Diese Erfahrung haben auch die Dückerts gemacht. „Wir kennen alle Anrufbeantworter im Landkreis“, sagt Bärbel Dückert. Man bekomme meist gar nicht erst die Chance, sein Anliegen vorzutragen.

Drei bis zwölf Monate müssen die Betroffenen warten. „Viele Störungen brauchen eine Begleitung über einen längeren Zeitraum hinweg, häufig ein bis zwei Jahre“, erklärt Vogt. Weil die Kinder in der Regel die Schule besuchen, konzentriert sich die Behandlungszeit auf den Nachmittag. „Die Wartezeit führt oft zu einer Verschlechterung der Symptome bei den Kindern, sie werden chronisch und es sind öfter Klinikaufenthalte nötig“, sagt die Kinderpsychotherapeutin.

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Nach Informationen der Bundespsychotherapeutenkammer richtet sich in der gesetzlichen Krankenversicherung die Zahl der Psychotherapeuten , die sich in den verschiedenen Zulassungsbereichen niederlassen dürfen, nach Planungsdaten aus dem Jahr 1999. „Die Stadt Oldenburg ist rein rechnerisch mit 146,8 Prozent überversorgt, im Landkreis Cloppenburg besteht ein Versorgungsgrad von 177 Prozent. Tatsächlich hätten aber im Jahr 2010 im Landkreis Cloppenburg 5,5 Psychotherapeuten 880 bis 1320 Kinder behandeln müssen. Mehr als 170 Patienten sind aber nicht realistisch“, erklärt Vogt.

Die Bundespsychotherapeutenkammer ruft Bürger dazu auf, bis zum 12. Januar eine Petition zur Neuberechnung der Verhältniszahlen zu unterschreiben, die dem Bundestag vorliegt.


Wachsende Wartelisten
„Wartelisten werden unserer Erfahrung nach nicht kürzer, wenn es mehr Therapeuten gibt“, sagt der Geschäftsführer der Bezirksstelle Oldenburg der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) Oldenburg und Wilhelmshaven, Helmut Scherbeitz. Der zuständige Zulassungsausschuss ist von den Krankenkassen und der KV gemeinsam besetzt. „Wir haben für die Region bereits eine ganze Reihe von Sonderbedarfszulassungen ausgesprochen“, sagt er.

Trotzdem gebe es zum Teil sogar noch wachsende Wartelisten. Dies könnte laut Scherbeitz dafür sprechen, dass viele Menschen behandelt würden, die nicht dringend bedürftig seien – oder dass die Versorgung noch lange nicht ausreichend ist.

Mit einer neuen Bedarfsplanung, wie sie das zum 1. Januar 2012 in Kraft getretene Versorgungsstrukturgesetz vorsieht, sei nicht vor 2013 zu rechnen. „In welche Richtung die neuen Richtlinien allerdings gehen werden, weiß man nicht“, sagt Scherbeitz. So könnte es auch sein, dass die Zahl der zugelassenen Therapeuten noch verringert werde.

Der Milchschaum auf dem Kaffee von Bärbel Dückert ist inzwischen in sich zusammengesackt. „Wir waren wirklich froh, als wir für Yvonne endlich einen Platz in der Nähe gefunden hatten. Dank der Therapie kann sie jetzt die erste Klasse einer normalen Grundschule besuchen, nachdem sie in einem heilpädagogischen Kindergarten war“, sagt die Pflegemutter.

Besonders schlimm findet sie, dass Betroffene keine kurzfristige Hilfe bekommen. „Viele Probleme können einfach nicht monatelang warten. Wenn beispielsweise die beste Freundin Selbstmord begeht, und bei einem selbst kocht dann Vergangenes hoch, steht man allein da. Da reicht das Angebot der Beratungsstellen oft nicht aus“, meint sie.

Ihrer Meinung nach müsste es für solche Fälle einen Notdienst geben. „Nicht jeder will zu einem Seelsorger gehen. Und Psychologen gibt es für diesen Bedarf nicht“, kritisiert sie.


Mehr depressive Kinder
Die Pflegefamilie ist dankbar über die Unterstützung vom Jugendamt. „Wir haben dort viel Hilfe bekommen, aber wenn keine Plätze da sind, können die auch nichts machen“, sagt Dückert. Die Entscheidung, ein Pflegekind aufzunehmen, hat sie trotz der Strapazen nicht bereut. „Wenn die Kleine mir ein Küsschen gibt und sagt ,hab dich lieb Mama’ – das ist schon schön“, sagt die Mutter.

Der psychotherapeutische Behandlungsbedarf wächst in allen Altersstufen, erklärt Ute Vogt. Die Expertin beobachtet einen Anstieg an Depressionen, Angststörungen und Essstörungen bei jungen Menschen. Sie versteht nicht, dass gegen die Unterversorgung nichts unternommen wird. „Die Kinder sind schließlich unsere Zukunft“, sagt sie.

 @ Infos und die Petition unter http://www.bptk.de




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