THüLE, 4. Februar 2012


Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Unfall Wie kam es zu der Amokfahrt am 1. Mai 2010 in Thüle? – Versuch einer Rekonstruktion


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Wie konnte das geschehen? Robertas G., Saulius C., Yvonne Drees, Heinz Dierker (v.l.).Großeinsatz: Nach der Amokfahrt müssen 20 Verletzte versorgt werden.Schneise der Verwüstung: zerstörte Bollerwagen BILDer: BILD: BILD: Helmerichs, Moormann, ArchivHeinz-Josef Laing Laing  Bild vergrößern

20 Menschen wurden verletzt, als ein BMW in eine Menschengruppe fuhr. Der Beifahrer steht jetzt vor Gericht.

von Karsten Krogmann

Thüle - 640 Tage später wird sie der Staatsanwalt fragen: Frau Drees, würden Sie sagen, dass Sie noch derselbe Mensch sind wie vor dem Unfall?

Nein, wird Frau Drees antworten, das geht ja gar nicht: Ich kann seit dem Unfall nicht mehr riechen, mein Geruchsnerv wurde durchtrennt. Zu Hause brauche ich jetzt überall Rauchmelder. Das Essen brennt mir in der Pfanne an, ohne dass ich es merke. Ständig wechsle ich meine Kleidung, ich hab’ immer so Angst, dass ich stinke.


Die Nacht durchgetrunken
Am 30. April 2010, ein Freitag, steht der litauische Lebensmittelingenieur Saulius C. wie jeden Morgen um 4.30 Uhr auf. Der 48-Jährige steigt in seinen silbernen BMW 530, um die litauischen Leiharbeiter zur Arbeit zu fahren, Die Schicht auf dem Schlachthof beginnt um 6 Uhr. Manche sagen, C. sei der Vorgesetzte der Schlachthelfer, er selbst sieht sich als ihr Betreuer: „Ich bin der Einzige, der ein bisschen Deutsch kann, und der Einzige mit einem Auto.“

950 Euro bekommt C. für seine Arbeit in Deutschland. Das meiste Geld schickt er nach Litauen zu den drei Kindern; seine Ex-Frau verdient dort als Lehrerin nur 250 Euro.

Um 22 Uhr ist Schichtende, Saulius C. fährt nach Markhausen, dort gibt es ein Haus für die Litauer. „Ich wollte kontrollieren, ob alles in Ordnung ist“, wird er 641 Tage später dem Richter sagen. Es ist nicht alles in Ordnung: In dem Haus wird lautstark gefeiert, es kommt zum Streit. C. will schlichten: „Wir trinken auf die Freundschaft!“ Es gibt Cognac, 641 Tage später wird sich C. an die Marke erinnern: Chantré. Irgendwann schläft er am Tisch ein.


Eine schwere Arbeit


15 Kilometer entfernt, in seinem Zimmer in Garrel, betrinkt sich derweil ein weiterer Schlachthelfer aus Litauen: Robertas G., 19 Jahre jung. Er hatte am Telefon Streit mit seinen Eltern, der Alkohol soll ihn nun beruhigen. In der Nacht fährt G. mit Kollegen nach Markhausen, um dort weiterzutrinken.

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G.s Vater hatte ihm erzählt, dass er in Deutschland viel Geld verdienen könne; später könne er vielleicht studieren. Saulius C. sollte sich um den Jungen kümmern, so kam Robertas auf den Schlachthof. Die Männer müssen dort Därme waschen, erklärt Saulius C.: „Das ist keine schöne Arbeit: Blut, Scheiße, Blut.“ C. sagt, kein Deutscher wollte diese Arbeit machen.


Hunderte wollen feiern
Yvonne Drees aus Neuscharrel will Lehrerin werden, seit 2009 studiert sie an der Universität Osnabrück Spanisch und Geschichte. Aber an diesem Wochenende möchte die 19-Jährige Freunde treffen, dafür verzichtet sie sogar aufs Ausschlafen: Am Freitag haben sie bis 1 Uhr in den Mai gefeiert, am Sonnabend sitzt sie um 7 Uhr schon wieder bei ihrem Vater im Auto. In einer halben Stunde soll in Markhausen die Maitour starten. Yvonnes Freund Michael ist auch dabei, die beiden sind seit drei Jahren zusammen.

Yvonne hat 2009 Abitur gemacht, sie trifft viele Schulfreunde. Sie erzählt von ihrem Studium: „Spanisch ist nicht so mein Ding, vielleicht wechsle ich zu Französisch.“

Die Gruppe nimmt den Markhauser Weg Richtung Thüle. Hunderte Jugendliche sind hier bereits mit ihren Bollerwagen unterwegs, sie scherzen, lachen, trinken.



In dem Leiharbeiter-Haus in Markhausen wird immer noch getrunken, jemand ruft: Wir brauchen mehr Alkohol! Der betrunkene und führerscheinlose Robertas G. hat die BMW-Schlüssel in der Hand. Er kann die Wagentür nicht öffnen, „so eine Fernbedienung kannte ich nicht“, erinnert er sich später vor Gericht. Irgendwann sitzt er hinter dem Lenkrad, auf dem Beifahrersitz hockt Saulius C. Sie fahren nach Garrel, dann fahren sie zurück nach Markhausen. Sie nehmen den Markhauser Weg.


Erfahrener Helfer
Es wird viel gefeiert an diesem 1. Mai im Landkreis. In seinem Haus in Cloppenburg, nur 300 Meter von der Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes entfernt, schlüpft gegen 10 Uhr der Rettungsassistent Heinz Dierker in seine Uniform. Seit 38 Jahren arbeitet der kräftige Mann mit dem Fünftagebart im Rettungsdienst, heute soll er Dienst beim Maifest am Reha-Zentrum schieben.

Der 60-Jährige ist mit Leib und Seele Rettungsassistent. Er hat schlimme Unfällen gesehen, dabei hat er etwas gelernt: Es gibt Unfallopfer, die keinen Arzt, aber trotzdem Hilfe brauchen – Menschen, die geschockt sind, verwirrt, traurig. „Als Sanitäter habe ich häufig solche Menschen allein zurücklassen müssen“, sagt Dierker. Er wollte das nicht mehr; seit zehn Jahren koordiniert er nun ehrenamtlich die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) im Landkreis.


Eine letzte Erinnerung
Der BMW rast den Markhauser Weg entlang. Wo kommen plötzlich die vielen Leute her? Wirft da jemand ein Glas gegen die Scheibe? Tritt einer mit dem Fuß gegen das Auto? 640 Tage später ist Robertas G. nicht mehr sicher. „Auf einmal“, sagt er dem Richter, „wurde der Abstand zu den Menschen immer kleiner.“

Yvonne Drees will gerade nach dem Sandwich greifen, das eine Freundin für sie aus dem Bollerwagen gefischt hat. Das ist ihre letzte Erinnerung.


„Wie im Nebel“
In der Anklageschrift gegen Robertas G. steht: Als der Angeklagte die Personengruppe erreicht hatte, habe er zunächst seine Geschwindigkeit verringert, dann aber wieder beschleunigt und sei mit dem PKW in die Menschenmenge gefahren. Nach einem kurzen Anhalten habe der Angeklagte dann erneut stark beschleunigt und den PKW in eine in der Fahrbahnmitte stehende Gruppe gelenkt, um vom Unfallort zu flüchten.

Wir erinnern uns nicht daran, erklären Fahrer und Beifahrer vor Gericht. „Alles ist wie im Nebel“, sagt Robertas G.

Klarer sehen es die Zeugen: Einer sagt, der Wagen habe eine Schneise der Zerstörung in die Bollerwagen und Menschen geschlagen. Ein anderer berichtet, Yvonne habe blutend am Boden gelegen; „ich dachte, sie sei tot“.

In Cloppenburg schlägt der Pieper von Heinz Dierker Alarm. „Ein Fahrzeug ist in eine Menschengruppe gefahren“, heißt es. Dierker eilt sofort zur Rettungswache und steigt in den Einsatzleitbulli. Auf dem Markhauser Weg sieht er überall weinende Jugendliche, Menschen umarmen sich. Die Sanitäter aus dem Nordkreis sind schon da, Dierker entscheidet: Wir brauchen hier unbedingt die PSNV. Er alarmiert das Kriseninterventionsteam.


In Lebensgefahr
Yvonne Drees ist nicht tot, aber sie schwebt in Lebensgefahr: Mit einem Schädelbasisbruch wird sie ins Krankenhaus geflogen und in ein künstliches Koma gelegt. Ihre Erinnerung wird erst wieder am 11. Mai einsetzen: Sie liegt auf der Intensivstation und weiß nicht, warum.

Insgesamt müssen 20 Verletzte versorgt werden. An der Unfallstelle reißt derweil der Strom von feiernden Jugendlichen nicht ab. Eltern reisen an, die von der Amokfahrt gehört haben. Überall weinen geschockte Augenzeugen. Das inzwischen achtköpfige Kriseninterventionsteam baut Zelte auf und trennt Verletzte und Unverletzte. „Der Rettungsdienst muss in Ruhe arbeiten können“, sagt Dierker. Er veranlasst, dass eine Hotline für besorgte Angehörige geschaltet wird. Später wird es Nachsorgeabende mit dem Traumatherapeuten Ulrich Strickling für Augenzeugen, Angehörige und Helfer geben. Er sagt: „Diesen 1. Mai werden sie alle nie vergessen.“


Suche nach Wahrheit
Amokfahrer Robertas G. wird Ende 2011 wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt. Er sitzt seither in Hameln ein, dort arbeitet er in der Gefängnistischlerei.

Beifahrer Saulius C. sagt, er lebe abstinent seit dem Unfall. Zurzeit steht er in Cloppenburg vor Gericht: Ihm wird vorgeworfen, als Halter des BMW Robertas G. das Fahren erlaubt und somit die fahrlässige Körperverletzung in 20 Fällen zugelassen zu haben. Am Dienstag soll das Urteil gesprochen worden.

Yvonne Drees leidet noch immer unter Kopfschmerzen und Übelkeit, auch das Knie macht ihr Probleme. Seit einigen Monaten studiert sie wieder in Vollzeit, sie hat sich für Französisch entschieden.

Vor Gericht tritt die 21-Jährige als Nebenklägerin auf. Sie sagt, die Amokfahrt hat in ihrem Leben so viel kaputt gemacht. „Ich kann das nicht ändern – aber ich will wissen, was am 1. Mai passiert ist. Und warum es passiert ist.“

 @ Mehr Bilder unter http://www.NWZonline.de/amokfahrt-markhausen




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