BRAKE, 8. Februar 2012


Puppen verschwinden in den Fluten

Sturmflut Brakerin Ina Stübben verliert ihr Zuhause bei Katastrophe von 1962


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Land unter: Der Weserdeich in Brake auf Höhe Auguststraße, aufgenommen am 17. Februar 1962. Im Hintergrund ist der Wasserturm von Kirchhammelwarden zu sehen. Mit dem Zuhause verlor sie auch ihre geliebten Puppen: Mit der Sturmflut von 1962 BILD: BILD: Hans WiechmannAnna Zacharias  Bild vergrößern

Die Kellerwohnung vor dem Weserdeich läuft voll. Auf die Elfjährige kommen schwierige Zeiten zu. Monatelang sucht die Familie nach einem neuen Dach über dem Kopf.

von Anna Zacharias

Brake - Die elfjährige Ina steht auf dem Deich und blickt auf ihr Elternhaus hinunter. Der Wind peitscht gegen ihre heiße Stirn – sie hat Fieber. Die Weser ist den Deich hochgekrochen und schwappt schon in die Wohnung. Vor ihren Augen verschwindet am 16. Februar 1962 alles, was sie besitzt: ihre Puppen, ihr Spielzeug, Papiere und Anziehsachen.

Das kleine Mädchen von damals hat die Angst vor dem Wasser nie verloren.

Das Haus der Vermieter steht direkt auf dem Deich, die Familie wohnt unten im Keller. „Wir mussten den Deich immer ein Stück hinuntergehen, um ins Haus zu kommen“, erinnert sich die 61-jährige Ina Stübben in ihrem Braker Wohnzimmer.


Angst um den Vater
Mutter und Vater sind bei der Arbeit. Gemeinsam mit ihrem 14-jährigen Bruder Wolfgang harrt Ina jetzt im Haus ihrer Patentante aus – auf der anderen Seite vom Deich.

Vom Vater, der bei einer Werft in Hamburg beschäftigt ist, hören die Kinder nichts. Ein Telefon hat die Familie nicht. „Wir haben meine Mutter Käte dann vom Schlachter aus angerufen, damit sie nach Hause kommt“, sagt Stübben.

Später weigert sich die Mutter, die Wohnung aufzugeben. Mit ihrem Sohn watet sie durch das knietiefe Wasser. Das ist für die Kinder nichts neues: „Wenn das Wasser kam, wurden immer alle Schotten dicht gemacht und der Teppich aufgerollt, das war schon Routine bei uns“. Doch gegen den Orkan „Vincinette“, der an diesem Tag über Norddeutschland tobt, hilft das nicht.


Hohes Fieber
Ina hat inzwischen hohes Fieber und liegt bei ihrer Patentante im Bett. Das Schlafzimmer ist eingebettet in den Deich. Ina ist allein und still in der Dunkelheit und hört die Wogen, wie sie von der anderen Seite gegen den Deich glucksen. „Dieses Glucksen war mir so unheimlich, das Geräusch werde ich nie vergessen“, erzählt sie heute.

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Bruder Wolfgang versucht an diesem Abend in der Wohnung, seine Mutter zum Gehen zu bewegen. Schließlich bringt er sie dazu, mit ihm aus dem Fenster zu steigen. Kurz darauf bricht ein Balken, und in sekundenschnelle steht das Wasser bis unter die Decke. „Wahrscheinlich wären beide ertrunken, wenn mein Bruder das nicht gemacht hätte“, sagt Stübben. Sie sieht noch genau vor sich, wie das Licht im Haus danach an und aus ging. „Gespenstisch war das.“


Nach Flut kommt Ebbe
Alles, was die Mutter rettet, sind Weingläser – alte Erbstücke ihrer Mutter, an denen viele Erinnerungen hängen. „Es muss besonders schlimm gewesen sein für meine Mutter“, rekapituliert Ina Stübben nachdenklich. Im Krieg hatte die ihr Zuhause in Hamburg verloren. Die Sturmflut nahm ihr auch das Zuhause in Brake.


Vater kehrt heim
Am nächsten Tag kehrt der Vater endlich heim, der in Hamburg sicher untergebracht war. Zuhause steht er vor dem Nichts. „Wir sind ums Haus gegangen – es war alles rausgeschwemmt. Selbst unsere Toilette schwamm auf der Weser davon“, sagt Stübben. Hilfe bekommen sie nicht. „Die Leute haben Fotos gemacht, das war alles“, sagt Stübben ernst.

Inas Spielzeug ist weg, vor allem ihre geliebten Puppen. „Ich habe auch keine neuen mehr bekommen, das war dann vorbei“, sagt sie. Aber das ist das geringste Problem für das Mädchen.

„Wir hatten nichts mehr zum Anziehen und waren auf Kleiderspenden angewiesen“. Ina Stübben füllt ihre Wangen prall mit Luft und deutet mit den Armen an, wie gut ihr diese Anziehsachen passten. Sie hält sich die Hände vor das Gesicht: „Ich habe mich so geschämt, und es wusste ja keiner, warum ich so rumlaufen musste“, sagt sie.

In der Schule wird sie gehänselt. „Im Konfirmationsunterricht hat mir der Pfarrer die Bibel auf den Kopf gehauen, weil meine fehlte“ erinnert sie sich an die schwierige Zeit zurück. Erst später versteht er, warum Ina das Buch nicht dabei hatte.


Suche nach Wohnung
Lange teilt sich die Familie ein Zimmer bei Verwandten. „Dass es Baugelder für Sturmflutopfer gab, hat man uns erst gesagt, als es zu spät war“, sagt die Mutter von fünf Kindern.

„Meine Eltern haben auf Stroh auf einem Dachboden geschlafen, da liefen die Ratten herum, es war schlimm“, sagt Stübben. Mutter Käte lässt den Behörden keine Ruhe, besucht auch den Bürgermeister. „Sie hat gesagt: ,Entweder helfen sie uns, oder wir ziehen hier im Foyer ein“, erzählt Stübben und lacht.


Liebe zur Heimat
Im Oktober 1962 bekommt die Familie schließlich eine Blockwohnung zugewiesen. „Vorher haben wir drei Gutscheine über jeweils 100 Mark für den Haushalt bekommen. Aber was ist das schon, wenn man alles verloren hat.“

Die Liebe zu ihrem Heimatort Brake ist größer als die Angst vor dem Wasser – aber heute wohnt sie weit vom Deich entfernt. „Das kann man sich nicht vorstellen“, sagt sie mit einem tapferen Lächeln, das gleich gefriert. „Aber es war der blanke Horror“, fügt sie hinzu.

Immer, wenn seitdem eine Sturmflut angesagt wird, hat Ina Stübben keine Ruhe. „Dann schicke ich meinen Mann zum Deich. Der muss gucken, wie schlimm es ist. Jedes Mal“, sagt sie.

 @ Ein Spezial unter http://www.NWZonline.de/50-jahre-sturmflut




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