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Geschichte:
Hellauf begeistert vom friedlichen Verlauf

Bad Zwischenahn Für Reinhard Schwartz ist der 9. November ein besonderer Tag. Auch wenn er ihn im Jahr 1989 weder direkt an der Berliner Mauer noch auf „ostdeutschem Boden“ erlebt hat, beschreibt er ihn doch als „Krönung seines Lebens“. Um zu verstehen, weshalb er nach 25 Jahren noch immer so auf diesen Tag blickt, muss man seine Geschichte kennen.

Denn der 1938 in Danzig Geborene floh 1945 über die Ostsee nach Thüringen und wuchs in der DDR auf. „Hinter vorgehaltener Hand wurde natürlich Kritik geübt, aber bei offiziellen Terminen gab es immer diese Lobhudelei“, versichert Schwartz. 1979 machte der Diplom-Ingenieur seinen Unmut über die Verhältnisse in der DDR öffentlich. Die Reaktion folgte prompt. Schwartz sowie Frau Edith und Sohn Enrico-René mussten ihre Arbeitsplätze räumen.

Der 75-Jährige erinnert sich noch genau an den Tag, als Mitarbeiter des MfS (Ministeriums für Staatssicherheit) ihm dann Monate später eine Ausbildung zum „Aufklärer“ anboten. Seine Antwort sei eindeutig gewesen: „Das mache ich nicht!“, habe er gesagt. „Ich bin kein Held, aber das habe ich richtig gemacht“, resümiert er die Anwerbungsversuche. Ihm sei damals klar gewesen, dass auch das Konsequenzen haben würde. „Wer als untreuer Staatsbürger galt, verlor nicht nur seinen Job, Haus und Hof, sondern landete schlimmstenfalls in den berüchtigten Stasi-Gefängnissen“, erklärt er. So kam es dann auch. 1983 wurde das Ehepaar Schwartz unvorbereitet abgeholt und 16 Monate lang „weggesperrt“, wie der 75-Jährige sagt. Bevor auch Sohn Enrico-René festgenommen wurde, sendete dieser noch ein Telegramm an den Onkel in Köln, in dem er von der Festnahme berichtete.

Freiheit für 210 000 DM

Nach Monaten der physischen und psychischen Folter im Gefängnis wurde die Familie für 210 000 D-Mark freigekauft und in die Bundesrepublik überführt. Noch heute steigen Reinhard Schwartz Tränen in die Augen, wenn er sich an den Grenzübertritt erinnert: „Nur wir drei und der Fahrer saßen in dem Wagen. Dann drehte sich der Fahrer plötzlich um und sagte: ,Jetzt sind Sie in der Freiheit‘“.

In dieser sogenannten „Freiheit“ mussten sich die kleine Familie jedoch erst einmal ohne Wohnung, Geld und Papiere zurecht finden. 16 Jahre lebten sie in Köln. „Wir sind sehr dankbar für die Hilfsbereitschaft, die wir dort erfahren haben. Aber es gab auch viele, die sich nicht dafür interessierten, was sich hinter dem Eisernen Vorhang abspielte“, erinnert sich Schwartz. In Behörden oft als „Immigranten“ oder „Russen“ abgestempelt, fühlte sich die Familie weder als Bürger der Bundesrepublik noch der Deutschen Demokratischen Republik. „Wir saßen oft zwischen den Stühlen.“

Dann kam der 9. November 1989. „Wir haben den Abend alle drei vor dem Fernseher verbracht,“ erinnert sich der Rentner. Zuvor hätten sie schon die Montagsdemos in der alten Heimat verfolgt. Die friedliche Revolution sei dann aber doch überraschend gekommen. „Meine Frau und ich wären gerne dabei gewesen. Wir haben die Entwicklung der DDR hautnah am eignen Leib miterlebt und ebenso, wie mit Kritik umgegangen wurde“, so der heutige Bad Zwischenahner. Bis zur letzten Minute hätten sie deshalb alles mit Besorgnis betrachtet, aus Angst vor einem tragischem Verlauf, erzählt Schwartz. Als dann aber alles friedlich verlief, seinen sie hellauf begeistert gewesen. „Wir hatten Tränen in den Augen. All das, was wir erlebt hatten, schien ein Ende gefunden zu haben“, so der pensionierte Ingenieur.

Nach der Wiedervereinigung seien sie 1990 in das Gebiet der ehemaligen DDR gefahren, erzählt er. „Mit gemischten Gefühlen“ hätten sie sich der ehemaligen Grenze genährt. „Bis zur Wiedervereinigung hatten wir ja ein Einreiseverbot für die DDR“, erinnert sich Schwartz.

30 Kilo Stasi-Akten

Noch im selben Jahr stellten sie Anträge auf Einsicht in ihre Stasi-Akten – und waren „schockiert“. Denn wie sich herausstellte, hatte das MfS von 1960 bis 1987 Informationen über die Familie zusammengetragen. Auch Freunde waren unter den Spitzeln. Bisher sind es rund 30 Kilogramm an Papier, die sich angesammelt haben. „Wir haben bei Weitem noch nicht alles gelesen“, versichert Schwartz.

Um mit seiner Vergangenheit abzuschließen, zog das Ehepaar 2001 nach Bad Zwischenahn. Eigentlich wollten sie die Geschichte hinter sich lassen, doch durch einen Zufall trafen sie auf Interessierte, die Schwartz ermutigten, sein Leben zu erzählen. Ab und an hält er Vorträge in Schulen und Vereinen. Denn er hat einen Entschluss gefasst: „Ich möchte meine eigene Geschichte nicht verdreht in Lehrbüchern lesen müssen.“

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