„Bacheloritis“ grassiert an Unis
STUDIUM Experten geben Ratschläge zum Umgang mit der neuen Krankheit
An einer „Klagemauer“ machen Studierende ihrem Frust beispielsweise über „Vier Klausuren an einem Tag“ oder „überfüllte Seminare“ Luft. BILD: DPA

VON TOBIAS SCHORMANN
Berlin - In diesem Jahr werden zehn Jahre Bologna-Reform gefeiert – vielen Studierenden ist aber nicht nach Party zumute. Im Gegenteil: Im Sommer haben Tausende beim Bildungsstreik ihrem Ärger über die Reform Luft gemacht. Denn sie hat dafür gesorgt, dass viele Studenten gehörig unter Leistungsdruck stehen. In der Folge leiden etliche unter Uni-Frust, fast jeder Dritte wirft das Handtuch.
Dagegen hilft nur, offen damit umzugehen, wenn es einem zu viel wird. Experten haben im Zuge der Bologna-Reform eine neue Krankheit ausgemacht, die unter Studierenden grassiert: die „Bacheloritis“. Sie äußert sich in Prüfungsangst und Stresssymptomen. „Der Druck hat zugenommen“, ist die Beobachtung von Achim Meyer auf der Heyde vom Deutschen Studentenwerk in Berlin. Durch die Verkürzung der Studienzeit seien die Lehrpläne im Bachelorstudium oft überfrachtet worden.
Fragen und Antworten zur Bacheloritis:
Viele fühlen sich im Bachelor-Studium allein gelassen: Laut Hochschul-Informations-System in Hannover beklagen 38 Prozent in den Naturwissenschaften mangelndes Feedback von den Professoren, in den Sozialwissenschaften sogar 49,8 Prozent. Da hilft es, sich mit anderen auszutauschen – auch, um sich mal den Frust von der Seele zu reden. „Man merkt dann: Ich bin nicht der einzige, der Probleme hat“, sagt Meyer auf der Heyde.
Studienanfänger sollten rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie merken, dass ihnen alles zu viel wird, rät Florian Keller vom Dachverband der Studentenschaften in Deutschland fzs in Berlin. Dazu gehört, vor einem Studienabbruch mit einem Studienberater zu reden. Studierende sollten auch keine Hemmungen haben, psychische Probleme anzusprechen, ergänzt Meyer auf der Heyde. „Das ist nichts Ehrenrühriges.“
Kurse zur Prüfungsvorbereitung und zum Zeitmanagement können laut Meyer auf der Heyde helfen, die Abwehrkräfte gegen die Bacheloritis zu stärken. Studenten lernen darin, sich den Stoff einzuteilen und bei vollen Stundenplänen den Überblick zu behalten. Das hilft, mit der Belastung besser umzugehen.
Bacheloreinsteiger müssen vor Semesterbeginn ihre Studienfinanzierung klären, rät Meyer auf der Heyde. Die Lehrpläne ließen kaum Zeit, um neben dem Studium zu jobben. Wenn zum Leistungsdruck noch Finanzsorgen kommen, ist das oft das Ende. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach denkt derzeit jeder dritte Student in den ersten Semestern über einen Abbruch nach oder hat ihn bereits erwogen. Drei Viertel der akut Betroffenen sagen, dass sie Probleme haben, ihr Studium zu finanzieren.
Wer merkt, dass er mit dem Lehrplan nicht mithalten kann, sollte rechtzeitig mehr Zeit einplanen. Dabei müssen Studierende aber genau hingucken, welche Kurse sich im nächsten Semester nachholen lassen. Ein Semester dranzuhängen, sei oft nicht einfach, weil viele Lehrpläne einen Jahresrhythmus haben, erklärt Keller. Wer aber zwei Extrarunden dreht, fliegt unter Umständen raus.
Bekommen Studenten den Bachelor-Blues, sollten sie einen Fach- oder Ortswechsel erwägen. „Wenn man nach dem ersten Semester merkt, dass es das falsche Fach ist, ist ein klarer Cut oft das Beste“, empfiehlt Keller. Bei akutem Uni-Frust hilft es, nach vorne zu schauen und sich klarzumachen, dass sich der Stress im Studium später in der Regel auszahlt. „Es lohnt sich“, sagt Meyer auf der Heyde. „Hochschulabsolventen haben gute berufliche Aussichten und sind selten arbeitslos.“
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