Klinikmorde In Delmenhorst:
Polizei gräbt immer noch Högel-Opfer aus

Vor einem Jahr wurde Niels Högel verurteilt. Nebenklägerin Kathrin Lohmann hat mit diesem Thema abgeschlossen. Ihre Mutter war eines der ersten Opfer des Ex-Krankenpflegers. Für die Ermittler geht die Suche auf den Friedhöfen jedoch weiter.

Delmenhorst/Oldenburg Kathrin Lohmanns Leben läuft wieder in geordneten Bahnen. Sie wohnt gemütlich in der Oldenburger Innenstadt, arbeitet wie früher als Altenpflegerin, macht eine Fortbildung zur Gesundheitsfachwirtin. „Für mich persönlich ist das abgeschlossen“, sagt Lohmann, wenn man sie nach dem Klinikmörder Niels Högel fragt.

Der Ex-Krankenpfleger hat ihre Mutter umgebracht. Im Klinikum Delmenhorst. Mit dem Medikament Gilurytmal totgespritzt. Lohmann war Nebenklägerin im Prozess. „Die Zeit war sehr anstrengend“, sagt sie.

Dieser Freitag ist nicht nur für Kathrin Lohmann ein besonderer Tag. Vor einem Jahr hat das Landgericht Oldenburg Högel wegen fünf solcher Taten im Klinikum Delmenhorst zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 26. Februar 2015.

Kathrin Lohmann wird am Freitag nach Delmenhorst fahren, sich mit anderen Angehörigen von Högel-Opfern bei der gemeinsamen Anwältin Gaby Lübben treffen. Das Jahr Revue passieren lassen. Aufarbeiten, was noch aufgearbeitet werden muss. Das hat man so vereinbart. Ab jetzt jedes Jahr am 26. Februar.

„Die Angehörigen sind ein Stück weit befreit“, sagt Lübben. „Das Thema ist für sie abgeschlossen.“

Für die Anwältin selbst ist es längst nicht abgeschlossen. Sie bereitet sich mental auf den nächsten Prozess gegen Högel vor, vertritt inzwischen etwa 40 weitere Angehörige von Opfern, also 40 potenzielle Nebenkläger. Die hoffen, nach Jahren endlich Gewissheit über das Schicksal ihrer Eltern oder Ehepartner zu bekommen.

„Irgendwie lässt einen das nicht los“, sagt Lübben. „Erst wenn der nächste Prozess abgeschlossen ist, kann ich Abstand bekommen.“

Zwölf Jahre hat Lohmann nach dem Tod ihrer Mutter 2003 auf Antworten gewartet. Sie hat den Prozess gegen Högel angeschoben, trotz aller Widerstände. Trotz einer zögerlichen Staatsanwaltschaft. Trotz Krankheit. Ohne Lohmann wäre die vielleicht größte Mordserie in deutschen Krankenhäusern nie ans Tageslicht gekommen.

Lohmann hat für ihren Mut den Zivilcouragepreis der Stadt Delmenhorst bekommen.

Eine Sonderkommission der Polizei überprüft immer noch mehr als 200 Verdachtsfälle an früheren Arbeitsstellen des Ex-Pflegers. Der nächste Prozess kommt sicher. Vielleicht sogar noch in diesem Jahr. Am Strafmaß wird sich nichts ändern: In Deutschland gibt es nur einmal lebenslang.

Lesen Sie auch: Warum stoppte niemand Niels Högel?

Am 26. Februar 2015 wird Niels Högel wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten des Klinikums Delmenhorst verurteilt. Nach einem halben Jahr Prozess.

Richter Sebastian Bührmann betont in seiner Urteilsbegründung, Högel habe vorsätzlich und heimtückisch gehandelt. „Sie haben mit dem Leben anderer Menschen gespielt.“ Bührmann entschuldigt sich bei den Angehörigen für die lange Ermittlungsdauer und die Fehler der Justiz.

Als Krankenpfleger und Rettungssanitäter soll Högel eigentlich Leben retten. Stattdessen spritzt er heimlich Patienten der Intensivstation in Delmenhorst eine Überdosis des Herzmedikaments Gilurytmal. Bringt diese in Lebensgefahr, um sie dann wiederbeleben zu können. Weil er den Kick im Klinik-Alltag braucht. Weil er sich als Retter aufspielen will, als Held.

Helfer als Täter: Morde im Krankenhaus

2014: In Lugo in Italien soll eine Krankenschwester Dutzende Patienten getötet haben. Die Polizei ermittelt in 38 Fällen.

2010: Wegen Mordes und Mordversuchs verurteilt das Landgericht Dresden eine Krankenschwester zu lebenslanger Haft. Die 33-Jährige tötete mehrere Menschen mit zu hoch dosiertem Insulin.

2007: Wegen fünffachen Mordes an schwer kranken Patienten wird eine ehemalige Krankenschwester der Berliner Charité zu lebenslanger Haft verurteilt.

2006: Der „Todespfleger“ von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis. Er soll 28 Klinikpatienten zu Tode gespritzt haben.

Högel sei eine gespaltene Persönlichkeit, bescheinigt ein Gutachter. Überfordert von Beruf und Familie. „Ein Angsthase, ein unsicherer Mensch.“ Der aus Angst vor dem Tod getötet hat.

Es sei wie eine Art Sucht gewesen, erklärt Högel selbst. „Das Ausmaß meiner Straftaten habe ich damals gar nicht realisiert.“

Viele Patienten überleben das tödliche Spiel nicht. Wie die Mutter von Kathrin Lohmann, der es eigentlich schon besser ging, die bald wieder nach Hause zur ihrer Tochter nach Berne wollte.

Eine Woche vor der Urteilsverkündung bricht Högel sein Schweigen, packt zumindest einen Teil der grausigen Wahrheit aus. Er gesteht rund 90 Tötungsversuche im Klinikum Delmenhorst zwischen 2003 und 2005, mindestens 30 Patienten sollen dabei gestorben sein. „Das sind nur geschätzte Zahlen“, sagt Högel.

Die Ermittler der Soko „Kardio“ zweifeln an den Zahlen. Sie bezweifeln auch, dass Högel nur im Klinikum Delmenhorst getötet hat, wie er selbst behauptet.

An seiner vorherigen Arbeitsstelle im Klinikum Oldenburg (2000 bis 2002) entdeckt ein Gutachter anhand von Krankenakten auffällige Todesfälle. Zwölf Patienten könnten mit Kalium getötet worden sein. Auch in Högels Zeit als Rettungssanitäter im Landkreis Oldenburg gibt es offenbar Verdachtsfälle. Mehr als 500 Notarzt-Einsatzprotokolle wurden überprüft.

Die Polizei gräbt immer noch auf Friedhöfen in der Region Leichen aus. In Ganderkesee, Delmenhorst, Stuhr, Bookholzberg. Die letzten Zahlen: Von den 174 erdbestatteten Patienten sind 63 exhumiert worden. Der todbringende Wirkstoff Ajmalin wurde in 21 Fällen nachgewiesen.

Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme räumt ein, dass man am Ende wohl nicht alle Fragen beantworten, nicht alle Taten aufklären kann. „Das liegt daran, dass die Tötungsversuche von der Gerichtsmedizin überhaupt nicht festgestellt werden können und dass die Feuerbestatteten auch nicht mehr untersucht werden können“, sagt Kühme. Immerhin 101 ehemalige Patienten.

Es sei denn, Högel selbst gibt die Antworten. Irgendwann am Ende der Ermittlungen, vielleicht im Sommer, will die Soko mit ihm reden.

Kühme ist davon überzeugt, dass man Niels Högel hätte stoppen können. Denn bereits im Klinikum Oldenburg haben Ärzte ein ungutes Gefühl. Erst wird der Pfleger versetzt, später weggelobt. In Delmenhorst dauert es zweieinhalb Jahre, bis im Sommer 2005 Kollegen Högel auf frischer Tat ertappen.

Im Prozess berichten Zeugen aus dem Klinikum von Warnzeichen: gehäufte Wiederbelebungen während der Schicht von Högel, steigender Verbrauch von Gilurytmal, verdoppelte Todesrate. Gegen acht von Högels früheren Kollegen in Delmenhorst und Oldenburg ermittelt die Staatsanwaltschaft deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen.

Die Versäumnisse der Staatsanwaltschaft selbst werden möglicherweise nie ganz aufgeklärt. Die Ermittlungen gegen einen ehemaligen leitenden Staatsanwalt wurden eingestellt.

Kathrin Lohmann freut sich auf das Treffen am Freitag. „Für mich und Gaby Lübben war der Prozess ein großer Erfolg“, sagt sie. Die Erfahrung verbindet. Bei Lohmann und Lübben ist aus dem Kampf um Gerechtigkeit eine Freundschaft geworden.

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  j.kothe 24.02.2016, 01:19:19
Irgendwie frage ich mich, was der ganze Aufwand soll. Er dient weder den Toten noch der Gerechtigkeit - zu mehr als lebenslang kann der Täter nicht verurteilt werden. Hier werden Polizei- und Justizkräfte gebunden, die in diesen Zeiten wahrlich an anderer Stelle dringender gebraucht werden. Und welche Art von Beruhigung für die Angehörigen ist es, wenn sie am Ende nach der sicherlich eher belastenden Exhumierung erfahren: Es war Mord? Erleichtert das die Trauer? Bitte, RIP!

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Marco Seng

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