Anschlag:
Suche nach Gift-Täter von Steinfeld

Firma Müller-Technik schließt Erpressung aus – Polizei bildet 20-köpfige Ermittlungsgruppe

Die Stimmung unter den Mitarbeitern sei nach dem Anschlag schlecht, sagt die Geschäftsführung: Niemand fühle sich mehr sicher.

Steinfeld Da oben zwischen den Osterglocken stand sie, die Plastikkiste mit den Gift-Brötchen, ein netter Zettel klebte daran: Lasst es euch schmecken, dies ist ein Geschenk.

Helmut Kohake, 59 Jahre alt, zeigt mit seiner Linken flüchtig auf den Haupteingang, dann zückt auch er einen Zettel; der Geschäftsführer des Autoteilezulieferers Müller-Technik ist es nicht gewohnt, vor Fernsehkameras zu sprechen. „Okay“, sagt er nervös und liest die Fakten vor: Zwei Kisten mit Brötchen habe man am Dienstagmorgen gefunden, eine hier vorn, eine hinten am zweiten Verwaltungsgebäude. 25 Mitarbeiter hätten von den Giftbrötchen gegessen, den Beteiligten gehe es „einigermaßen gut“, einer konnte sogar aus dem Krankenhaus entlassen werden. Und ja, sagt er dann, die Stimmung unter den Angestellten sei schlecht: „Weil die nicht wissen, ob so etwas morgen noch mal passieren kann!“

Komischer Geschmack

Aber wieso essen Mitarbeiter von Müller-Technik überhaupt Brötchen, die ein Unbekannter vor ihre Tür gestellt hat?

„Die Frage kann ich beantworten“, sagt Kohake: „Wenn hier jemand Geburtstag hat, wird genau so etwas schon mal in der Zentrale abgegeben. Bei 240 Personen, die wir hier beschäftigen, hat jede Woche irgendjemand Geburtstag.“ Ungewöhnlich sei das also nicht.

Durch Rattengift wird Blutgerinnung gehemmt

„Weil sie gegen Säuger gerichtet sind, sind Rattengifte immer sehr giftig“, sagt die Toxikologin Dr. Irene Witte, die viele Jahre am Institut für Biologie und Umweltwissenschaften der Uni Oldenburg tätig war.

Rattengift sei ein natürlicher Gegenspieler zu dem natürlich vorkommenden Vitamin K 1, so Witte weiter. „Dieses Vitamin ist dafür verantwortlich, dass unser Blut gerinnt. Durch das Rattengift wird die Gerinnung gehemmt und es kommt zu inneren Blutungen.“ Rattengift ist geruchlos. Deshalb sei es richtig gewesen, dass die Brötchen zur Untersuchung gegeben wurden.

Gesundheitliche Probleme und Beeinträchtigungen machen sich nicht sofort bemerkbar, sondern frühestens nach 37 Stunden.

Am Dienstag wunderten sich die Mitarbeiter nur über den ungewöhnlichen Geschmack der Brötchen, nach und nach fuhren sie in die umliegenden Krankenhäuser. Die Kliniken informierten die Behörden, um 17.53 Uhr rief der Landkreis Vechta dann den MANV-Fall aus: Massenanfall von Verletzten.

MANV 1 bedeutet: Die ortsansässigen Feuerwehren rücken aus. Alle angestellten und ehrenamtlichen Rettungskräfte eilen zum Dienst, 150 Männer und Frauen waren es am Dienstag. Der Einsatzleitcontainer der Feuerwehr Vechta rollt vom Hof. Und die Polizei kommt.

Die ganze Nacht und den halben Mittwoch ermittelten die Beamten in der Firma. Sie sperrten das Gelände ab, schweißten die Beweisstücke ein, stellten die restlichen Brötchen sicher. „Kleine Gegenstände“ habe man darauf gefunden, sagt Polizeisprecher Frank Soika auf Nachfrage; konkreter will er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht werden. Auch über den vollständigen Text auf dem Zettel an der Plastikkiste schweigt er sich aus.

Die „kleinen Gegenstände“ schickte die Polizei jedenfalls per Hubschrauber nach Berlin, wo Experten schnell feststellten: Es handelt sich um Mäuse- und Rattengift.

Wurden Sie erpresst?, wollen die Journalisten von Geschäftsführer Kohake wissen.

„Nein“, sagt er. Es habe keine Drohungen gegeben.

Wer war es dann?, bohren die Reporter weiter: Haben Sie einen Verdacht?

„Keinen einzigen“, sagt Kohake und schüttelt kräftig den Kopf: „Wenn wir das wüssten, würden wir morgen die Polizei anrufen, und die müsste nichts mehr machen!“

Könnte es ein wütender Mitarbeiter gewesen sein?

„Wir haben keine Probleme mit Mitarbeitern“, beteuert Kohake, „es hat auch keine Freisetzungen gegeben.“ Das Betriebsklima sei relativ gut.

Aber wie sieht es mit der Konkurrenz aus?

„Mitbewerber haben wir überall im Landkreis Vechta“, so Kohake, „wir haben kein Alleinstellungsmerkmal.“

In der 10 000-Einwohner-Gemeinde Steinfeld ist der Giftanschlag auf Müller-Technik natürlich Ortsgespräch. Die Müller-Mitarbeiter dürfen mit der Presse zwar nicht sprechen, andere beteiligen sich aber gern an Spekulationen. „Das war ein Mitarbeiter mit Groll auf die Geschäftsführung“, vermutet ein Mann, „wer sonst?“ Der Täter habe die Brötchen bewusst vor den Verwaltungsgebäuden abgestellt und nicht vor den Produktionshallen – und er habe gewusst, dass sie gegessen werden würden. „Das war ein Insider“, meint auch ein zweiter Mann.

Herausfinden muss das jetzt die Polizei. Die Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta hat eine 20-köpfige Ermittlungsgruppe gebildet, der Vorwurf gegen den oder die Täter lautet „gefährliche Körperverletzung“. Die betroffenen Mitarbeiter wurden bereits ausführlich befragt.

Sie müssen 72 Stunden im Krankenhaus bleiben, auch anschließend sollen sie vorerst mit ihren Ärzten in engem Kontakt bleiben. Akute Vergiftungserscheinungen seien bisher nicht aufgetreten, so Polizeisprecher Soika.

Neue Schutzmaßnahmen

Schwer vergiftet ist aber das Klima des Vertrauens bei Müller-Technik: Niemand soll künftig mehr so einfach Gift zum Haupteingang tragen können. „Wir haben heute Schutzmaßnahmen diskutiert“, erklärt Geschäftsführer Kohake; möglicherweise werde man das Gelände mit einem Zaun absperren.

Dass irgendein Müller-Mitarbeiter noch einmal anonym abgegebene Lebensmittel essen wird, darf wohl ohnehin als ausgeschlossen gelten.


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