Vom Star zum Fensterputzer
RADSPORT Bremer Andreas Kappes stürzt nach Karriereende ab – Psychologe hilft
Es ist kaum zu fassen: Andreas Kappes kam mit dem Abschied vom Profisport psychisch nicht zurecht. BILD: IMAGO 
VON OLAF ULBRICHUND CHRISTIANE GLÄSER
Bremen/Köln - Rückblickend scheint es, als hätte er schon etwas geahnt. Im Januar 2008 saß Andreas Kappes nach den 44. Bremer Sixdays einsam auf der Pritsche in seiner Koje unter der Bühne. In den Händen hielt er eine Kristallskulptur der vier Stadtmusikanten, die er zum Abschied erhalten hatte. Mit Tränen in den Augen betrachtete er sie lange melancholisch.
Über 20 Jahre lang drehte sich das Leben des heute 45-Jährigen ausschließlich ums Rad. 115 Mal trat er bei Sechstagerennen erfolgreich in die Pedale. Auch auf der Straße fuhr der im Bremer Stadtteil Arbergen aufgewachsene Kappes bei nationalen und internationalen Wettbewerben zahlreiche Siege ein.
Ruhm verblasst schnell
Nach seinem Karriereende verblasste dieser Ruhm aber abrupt. Seine Frau verließ ihn mit den Kindern und dem Hund, und beruflich konnte er kaum Fuß fassen. Am Ende putzte er in seiner Wahlheimat Köln Fenster, um sich über Wasser zu halten. „Ich wusste nicht, dass die Zeit nach dem Sport so schwer werden würde“, sagt der sechsfache Bremen-Sieger.
Kurz nach seinem Abschied vom Profisport vor zwei Jahren fiel Kappes in ein psychisches Loch und verkroch sich in der Einsamkeit. Dann holte er sich Hilfe bei einem Psychologen. „Warum soll man das verschweigen?“, fragt er mit seiner ruhigen und leisen Stimme.
Schließlich, innerlich aufgeräumter und zuversichtlicher, suchte er Arbeit. „Aber wer gibt schon einem Arbeit, der keine Ausbildung und kein Studium hat?“ Am Ende fing er bei einer Reinigungsfirma an – er kehrte Treppenhäuser, putzte Fenster und säuberte Wohnungen von ehemaligen Radsport-Kollegen und -Weggefährten. Er machte sich schließlich selbstständig. Kappes ist diese Beschäftigung nicht peinlich. „Das Nichtstun ist das Schlimmste.“
Neue Arbeit als Berater
Nun hat Kappes den Weg zurück zum Radsport gefunden. Er arbeitet bei einer Jülicher Firma, die Trainings-Kontroll-Systeme herstellt. „Ich wollte immer zurück in den Profisport. Jetzt werde ich richtig Gas geben.“ Der Ex-Profi soll die Rennfahrer beraten. In seiner Freizeit will er aber weiter putzen: „Ich kann doch meine Kunden nicht ins Abseits stellen.“
Gast bei Risis Abschied
Auch nach Karriereende ist der Bremer Publikumsliebling regelmäßiger Gast bei der Rundenhatz in der Stadthalle. „Das ist meine zweite Familie“, sagt Kappes. An diesem Dienstag will er das Finale verfolgen, seinen Freund Bruno Risi verabschieden und Ex-Kollegen treffen.
Vom Glanz der alten Zeiten ist in seinem Haus in Köln indes nicht mehr viel zu finden. Medaillen, Trikots und andere Erinnerungen an seine Profizeit hat er auf den Dachboden verbannt. Nur sein altes Rennrad hat er jetzt wieder herausgekramt.
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