BREMEN, 14. Januar 2012


„Gefühl wie in großer Schiffschaukel“

Sechstagerennen Radprofi Andreas Müller beschreibt Fliehkräfte in Steilkurven – Kräftig gegensteuern


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In extremer Schräglage rasen die Sechstageprofis (Robert Bengsch hinter einem Derny) in Bremen durch die Kurve. BILd: bsr  Bild vergrößern

Die Radfahrer werden an die Wand gedrückt und können nur schwer treten. Auch das Blut im Körper zirkuliert anders.

von Olaf Ulbrich

Bremen - Sie scheinen förmlich an der Wand zu kleben. Mit einem Tempo von rund 65 Stundenkilometern und in einer atemberaubenden Schräglage donnern die 24 Radprofis beim Bremer Sechstagerennen durch die 5,20 Meter hohen und bis zu 51 Grad steilen Kurven. Doch wie fühlt sich das eigentlich an? Fahrer Andreas Müller gab der NWZ  einen Erlebnisbericht:

„Die Fliehkräfte sind enorm. Man hat ein Gefühl wie bei einer Fahrt in einer großen Schiffschaukel oder Achterbahn auf dem Jahrmarkt“, beschreibt der 32-jährige Radprofi den Anpressdruck, dem er bei einer rasanten Steilkurvenfahrt ausgesetzt ist: „Das Blut im Körper zirkuliert anders. Das ist wissenschaftlich bewiesen.“

Dabei werde der Fahrer aber nicht nur auf die Bahn gedrückt, sondern aufgrund der Zentrifugalkraft auch noch an den Rand: „Man muss dabei den Lenker richtig festhalten und kräftig gegensteuern. Ansonsten fliegt man oben aus der Kurve heraus wie eine wild gewordene Roulette-Kugel aus dem Kessel.“

Fahrerisches Können sei besonders wichtig. „In den Bremer Kurven benötigt man zu 50 Prozent Technik, nicht nur Schnellkraft“, betont Müller, der bereits zum neunten Mal in der Hansestadt am Start ist. Insgesamt absolvierte der WM-Dritte von 2009 im Scratch 68 Sixdays.

Die Geschwindigkeit in den Kurven zu halten sei ausgesprochen schwer: „Das Treten geht nicht so einfach. Deshalb geben viele Fahrer auf den Geraden Vollgas und lassen in der Kurve einfach laufen.“ So „einfach“ ist das allerdings nicht. Denn im Gegensatz zu Straßenrädern haben die Sechstage-Rennmaschinen eine starre Nabe: Es gibt keinen Leerlauf, die Pedalen drehen sich solange das Rad rollt. Zudem gibt es keine Bremsen.

Besonders brenzlig wird es bei der Ablösung. Mit dem Schleudergriff gibt der Fahrer seinem Partner Schwung. Müller: „Die Kurvenfahrt alleine ist schon schwer genug. Aber beim Wechsel machen wir das mit einer Hand“ – und das bei den Jagden über 45 Minuten unter Maximalbelastung mit einem Puls bis zu 180 Schlägen pro Minute.

Das könne man nur mit großer Routine. „Ich habe zwei bis drei Jahre gebraucht, um auf der Bremer Bahn zurecht zu kommen“, gibt Müller zu. Denn fahre man zu langsam, stürzt man ab. „Die Grundgeschwindigkeit habe ich im Training hinter einem Derny geübt“, sagt Müller. Ein kleines Mofa gab das Tempo vor.

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Dennoch: Erfahrung hilft viel, ist aber nicht alles. „Routine ist der größte Feind. Ohne volle Konzentration geht nichts“, sagt Müller: „Ein kleiner Fehler reicht, und dann liegen fünf Fahrer am Boden“ – klar, denn natürlich klebt keiner der Profis an der Wand.

 @ Infos: http://www.NWZonline.de/bremer-sechstagerennen




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