:
Gaddafi, Eishockey und ein Werbevertrag

Im Winter 1987/88 machte Eishockey-Bundesligist Iserlohn Reklame für das „Grüne Buch“

Ende 1987 schrieb Eishockey-Bundesligist ECD Iserlohn eines der skurrilsten Kapitel der Sportgeschichte. Er machte Trikotwerbung für Libyens Diktator Gaddafi.

TRIPOLIS Der Verein aus dem westfälischen Iserlohn war sportlich nur mäßig erfolgreich und Ende 1987 ziemlich klamm. Dafür besaß er aber einen umtriebigen Präsidenten, den Bauunternehmer Heinz Weifenbach (heute 71), einen Mann von barocker Lebenslust und Leibesfülle sowie gelegentlich hemdsärmeligen Methoden.

Der gelernte Maurer pflegte wirtschaftliche Kontakte zu Libyen und präsentierte, just als der Club der Insolvenz entgegenschlitterte, den erstaunten Fans und ungläubigen Medien einen Werbevertrag mit dem libyschen „Weltzentrum zur Verbreitung des Grünen Buchs“. Dotiert war der Vertrag laut Weifenbach mit 1,5 Millionen Mark, der Verein wäre mit einem Schlag aller Sorgen ledig.

Das „grüne Buch“, eher ein Büchlein, enthält all die kruden Ideen, die dem großen Diktator Gaddafi in seinem Leben durch den Kopf geschossen sein mögen. Der Anspruch des seltsamen Geschwafels: Die Vereinigung von Kapitalimus und Kommunismus mit Gaddafis Hilfe.

Der Deutsche Eishockey-Bund ist auf den Barrikaden, man ahnt das Skandal-Potenzial, das die heikle Causa entwickeln könnte. Weifenbach wiederum will die Öffentlichkeit auf seine Seite ziehen und reist deshalb Anfang Januar 1988 mit rund 20 Journalisten nach Tripolis, ein Trip mit eher operettenhaften Zügen.

Seinerzeit wird der deutschen Gruppe in Tripolis beinahe eine Art Staatsempfang zuteil. Ehrenformation, der Minister für Sport ist zur Stelle, Damen in Landestracht sorgen für folkloristisches Ambiente. Weifenbach, der sich wie König Heinz aus dem Sauerland fühlt, ist putzmunter, freut sich diebisch, dass alles so funktioniert, wie er es angekündigt hat. „Seht Ihr, sind doch alle schwer in Ordnung, die Jungs hier, oder. . .“

Erstes Gespräch in der Empfangshalle für Staatsgäste. Sportminister Ali Mansouri ist es „gerade in dieser Zeit eine große Ehre“, die Deutschen in Libyen zu sehen. König Heinz lehnt sich zufrieden zurück, zieht genüsslich an seiner Zigarre, mit der er bereits den Fluggästen in der Boeing 727 der Libyian Arab Airlines mächtig zugesetzt hat, und macht Mansouri viel blauen Dunst vor.

Beim Gala-Dinner im Hotel „Meerestür“ erhält Weifenbach den Ehrenplatz unter dem lebensgroßen Konterfei von Revolutionsführer Gaddafi. Eigentlich, so hat König Heinz vorher erzählt, will er in seiner Tischrede die „Grüße des deutschen Volkes“ überbringen. Aber irgendwie muss selbst ihm aufgegangen sein, dass dies ein wenig größenwahnsinnig wäre. Und so belässt er es bei besten Wünschen aus Iserlohn. Die Gastgeber revanchieren sich mit Gesang und Spiel und Tanz.

Anderntags in Tripolis, beim Gespräch mit Gaddafi im Beduinenzelt, lässt sich Weifenbach die gute Laune auch dadurch nicht verdrießen, dass Gaddafi wissen möchte, wer denn dieser Mann ist, der da so nah bei ihm platziert wurde. Zumindest er, Gaddafi, scheint den König Heinz aus Iserlohn noch nicht zu kennen.

Immerhin ist Gaddafi blendend aufgelegt, lässt sich ECD-Wimpel und Zinnteller schenken, drückt huldvoll Heinzens Hand und wird später durch seinen Arzt ausrichten lassen, wir, die Deutschen also, seien „wie Brüder“ gewesen und er, Gaddafi, habe viel Spaß gehabt. Zuvor hatte er noch angekündigt, demnächst in der Hauptstadt Tripolis selbst eine Eissporthalle bauen lassen zu wollen. König Heinz freut sich, weil die als Höhepunkt vorgesehene Gaddafi-Audienz wie geschmiert über die Bühne gegangen ist.

Angesichts des Erfolgs auf allen libyschen Ebenen stört es ihn kaum, wenn es mal mit einer Ankündigung nicht klappt. „Jungs“, sagt er zu den Medienleuten, „wenn Ihr später fliegen wollt, kein Problem, dann lasse ich die Maschine eben warten.“ Als aber König Heinz zum Flughafen kommt, sieht er gerade noch, wie sein Flieger in den Abendhimmel steigt.

König Heinz muss umbuchen, landet nicht um 20 Uhr auf dem Frankfurter Flughafen, wo seine Limousine seit Tagen vor dem Haupteingang im absoluten Halteverbot steht, sondern gegen Mitternacht in Ostberlin. Komischerweise hat ihn dort niemand erkannt.

Am Ende spielte der ECD tatsächlich einmal in den Trikots mit der Werbung für das Grüne Buch Gaddafis. Zwei amerikanische TV-Stationen und die New York Times kamen dazu eigens nach Iserlohn ins Sauerland. Xaver Unsinn, seinerzeit Bundestrainer, wetterte: „Der Sport darf nicht kriminellen Elemente und den Terrorismus unterstützen.“

Dann war Schluss mit lustig beim ECD. Der Verband drohte mit Lizenzentzug und den Spielern mit Sperre. Kurz darauf war der Verein pleite. Und Tripolis wartet noch heute auf seine Eissporthalle.

Leserkommentare

Kommentieren Sie diesen Artikel
Liebe Leserin, lieber Leser,

momentan steht Ihnen die Kommentarfunktion auf NWZonline.de nicht zur Verfügung. Bitte haben Sie hierfür Verständnis.

- Das Team von NWZonline

Über den Autor

Hermann Lamberty

Leitung Newsroom
Politikredaktion
Tel.: 0441 9988 2092
Fax: 0441 9988 2029

Artikel

Mehr zu ...

Ort des Geschehens

Weitere Artikel aus tripolis
article
a34d4d6e-eadf-11e1-9867-7fe1b49a16ed
Gaddafi, Eishockey und ein Werbevertrag
Ende 1987 schrieb Eishockey-Bundesligist ECD Iserlohn eines der skurrilsten Kapitel der Sportgeschichte. Er machte Trikotwerbung für Libyens Diktator Gaddafi.
http://www.nwzonline.de/eishockey/gaddafi-eishockey-und-ein-werbevertrag_a_1,0,635062900.html
02.03.2011
http://www.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/NWZ/Altdaten/2011/03/02/SPORT/2/Bilder/gadd_c8_2551468.jpg
Eishockey,
Eishockey

Sport

Sieg In Abu Dhabi

Hamilton zum zweiten Mal Formel-1-Weltmeister

Abu Dhabi Der Brite krönte sich mit einem überlegenen Sieg beim Saisonfinale zum zweiten Mal nach 2008 zum Champion. Ein schwerer technischer Defekt bremste seinen Mercedes-Teamkollegen Nico Rosberg in einem dramatischen Schlussakt aus.

nwzonline.de

Kabeljau & Co. Direkt Vom Kutter

Frischen Fisch für Oldenburg

Bremerhaven Küstenfischer Ullrich Willig will ab 2015 Oldenburg und Bremen anlaufen. Sein Angebot: Frischer Fisch direkt vom Kutter. Vorher war er in Bremerhaven – aber da lohnt sich sein Geschäft nicht.

Familien-Geschichte Udo Jürgens ist ein Oldenburger

OldenburgWer hätte das gedacht: Der legendäre Komponist und Sänger hat seine Wurzeln im Oldenburger Stadtteil Osternburg. Hier wohnte nämlich sein Großvater Heinrich Bockelmann. Am Mittwoch tritt Jürgens mit seiner „Udo 80 – Tournee“ in der EWE Arena auf – und darf auf ein ganz besonderes Präsent gespannt sein.

Politik

Selbstmord-Attentat

Viele Tote bei Anschlag in Afghanistan

Kabul Kaum stimmt das Parlament in Kabul dem Verbleib von USA und Nato im Land zu, ereignet sich in der östlichen Provinz Paktika eines der folgenschwersten Attentate des Jahres. Auch dort sind die aufständischen Taliban aktiv.

Kommentare der Redaktion

Meinungen

Grünen-Parteitag

Der Biss fehlt

von Rasmus Buchsteiner, Büro Berlin
Rasmus Buchsteiner, Büro Berlin
Rasmus Buchsteiner, Büro Berlin

Obamas Einwanderungspolitik

Handlungsfähig

von Hermann Gröblinghoff
Hermann Gröblinghoff
Hermann Gröblinghoff

Rot/Rot/Grün in Thüringen

Teure Versprechen

von Andreas Herholz, Büro Berlin
Andreas Herholz, Büro Berlin

Fracking unter Auflagen erlaubt

Wachsam sein

von Hermann Gröblinghoff
Hermann Gröblinghoff
Hermann Gröblinghoff

Ansturm auf Rente mit 63

Fehlkonstruktion

von Rasmus Buchsteiner, Büro Berlin
Rasmus Buchsteiner, Büro Berlin
Rasmus Buchsteiner, Büro Berlin

Akten zu Paschedag-Affäre

Spannend

von Gunars Reichenbachs, Büro Hannover
Gunars Reichenbachs, Büro Hannover
Gunars Reichenbachs, Büro Hannover

Gazastreifen Erster Toter seit Waffenruhe

JerusalemErstmals seit dem Ende des Kriegs im Gazastreifen vor drei Monaten haben israelische Soldaten dort offenbar wieder einen Palästinenser getötet. Der 32-Jährige soll ein Bauer gewesen, der sich der Grenze zu Israel genähert habe.

Wirtschaft

Burger King

Keine schnelle Lösung im Streit um Filialen

München/Berlin Gravierende Verstöße gegen arbeitsrechtliche Vorschriften: Das wirft Burger King seinem gekündigten Franchisenehmer Yi-Ko-Holding vor. Der Streit um die Filialen geht weiter.

Kultur

Langenscheidt-Aktion

„Läuft bei dir“ ist Jugendwort des Jahres 2014

München „Läuft bei Dir“ bedeutet soviel wie „Du hast es drauf“ oder auch „cool“. Ebenfalls im Rennen war das türkische Wort für Tier „Hayvan“, das für Jugendliche zum Synonym für „Freund“, „Muskelpaket“ aber auch „triebgesteuert“ geworden ist.

Termine & Tickets

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30

Panorama

Einsatz Für Obdachlose

Das ist der neue Staatsfeind Nummer 1 der USA

Fort Lauderdale Weißhaarig, gekrümmter Rücken, dicke Brille: Arnold Abbott sieht nicht gerade gefährlich aus. Der 90-Jährige widersetzt sich den Behörden der US-Stadt Fort Lauderdale aber dennoch vehement. Niemand soll ihm verbieten, sich um Obdachlose zu kümmern.

Das Letzte

Das Letzte

Digitale Welt

Kunterbunte Candy-Party

Wie hält man einen Hype am Leben?

London Bunte Süßigkeiten auf dem Smartphone-Bildschirm herumzuschieben, kann überraschend süchtig machen. Das wissen Fans der „Candy Crush Saga“. Mit einer Fortsetzung will Hersteller King dem „Farmville“-Schicksal entgehen. Und schickt dafür einen Riesenbären auf die Themse.

Reise

Knödel, Weißwurst, Whisky

Der Tegernsee ist eine Feinschmeckerregion

Tegernsee Das bayerische Oberland ist für seine deftige Küche und sein gutes Bier bekannt. In der Region um Tegernsee und Schliersee bekommt der Gast Einblicke in die traditionelle Küche: bei einem Knödeldiplom und einem Weißwurstseminar.

Skifahren Mit Sonnenaufgang Die frühen Pistenvögel

BerlinAls Erster auf die Piste und vor allen anderen Skifahren einsam den Hang hinabwedeln, ist ein besonderes Vergnügen. Viele Skigebiete bieten deshalb spezielle Aktionen für Frühaufsteher an - mit Bergfahrt, Abfahrt und Frühstück.

Motor

Wettbewerb

Tesla plant Batteriefabrik in Deutschland

Berlin Daimler hat gerade das Aus der einzigen Batteriezellenfabrik für Elektroautos in Deutschland angekündigt. Tesla-Chef Elon Musk hält das für einen Fehler - er will hierzulande selbst in einigen Jahren eine Batteriefabrik errichten.

Smart Fortwo Riesiger Knirps mit kleinen Macken

BerlinKleiner ist keiner: Der Smart Fortwo, der anfangs noch City-Coupé hieß, ist die erste Wahl für enge, überfüllte Innenstädte mit Parkplatznot. Beim Kauf eines Gebrauchten gilt es, einige Dinge zu beachten.

Mehr zu den Themen ...