Mit Rad von Ofenerdiek in den Orient
Reisen 69-jähriger Siegfried Scheicht hat 4420 Kilometer hinter sich – Vor zwei Jahren Tour zum Nordkap
Wieder zurück in Ofenerdiek: Nachbarn empfingen Siegfried Scheicht mit diesem Transparent.Am Ziel: In Istanbul besuchte der Weltenbummler die Blaue Moschee. BILD: BILD: ScheichtScheicht 
von Natalia Flemming
Ofenerdiek - Große Gastfreundschaft hat Siegfried Scheicht auf seiner Radtour von Oldenburg nach Istanbul erlebt. Nicht minder herzlich war der Empfang, dem ihm seine Nachbarn in Ofenerdiek bereiteten, als der Weltenbummler am vergangenen Wochenende in die Heimat zurückkehrte. Vor zwei Jahren hatte er sich einen Traum erfüllt, als er zum Nordkap radelte (NWZ berichtete). Schon damals stand das Ziel für den nächsten Trip fest: das Schwarze Meer. Diesen Traum hat sich der nun fast 70-Jährige auch erfüllt.
Am 26. Mai ging es los: Mit 40 Kilo Gepäck und einem Zelt bewältigte Siegfried Scheicht per Rad 4420 Kilometer bis ans Ufer des Schwarzen Meeres. Auf seiner Reise durchquerte er elf Länder: Deutschland, Tschechien, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Griechenland, bis er schließlich am 10. Juli Istanbul erreicht. Er erlebte Abenteuer, besondere Begegnungen und große persönliche Herausforderungen.
Schmerzen stoppen Reise
„Beim Einpacken bekomme ich Schmerzen in der Nierengegend; nach 5,5 Kilometern Fahrt breche ich ab und schlage mein Zelt hinter einem Haus auf, das zum Verkauf steht“, schreibt Siegfried Scheicht am achten Tag in sein Tagebuch. Bis in den späten Nachmittag ruht er sich aus, schläft. Dann sind die Schmerzen plötzlich weg und „alles ist okay“. Von Batzdorf an der Elbe geht es weiter nach Dresden und über Litom??ice nach Prag. Am zehnten Tag dann die zweite Hürde: ein schmerzendes Knie. „Ich hatte daran gedacht aufzuhören. Aber nach nur anderthalb Wochen (und 1020 Kilometern) ging mir das gegen meine Ehre“, erzählt Siegfried Scheicht und lacht.
Der Ehrgeiz lohnt sich, und sein Weg treibt ihn weiter entlang der Moldau in Richtung Orient. Vor allem in Rumänien und Bulgarien macht sich der Rückgang des Fremdenverkehrs bemerkbar. „Fahr’ da bloß nicht hin“, warnen andere Reisende den 69-Jährigen, doch er trifft auf „liebe, nette und sehr gastfreundliche Leute“. Und wo unterschiedliche Sprachen eine Kommunikationsbarriere aufstellen, helfen Hände und Füße, den Weg zum nächsten Zeltplatz zu erklären – oder im Notfall auch ein kleines elektronisches Wörterbuch in der Größe eines Mobiltelefons.
In der Dämmerung der anrückenden Nacht muss der Rentner jeden Abend aufs Neue eine Schlafstätte finden. Nicht aus Angst vor Räubern und Banditen, sondern wegen der vielen Schlaglöcher in den Straßen.
Eine Nacht im Vorgarten
Von den zahlreichen Begegnungen entlang seiner Fahrradtour erinnert sich Siegfried Scheicht an eine besonders gern. „Ich fragte eine Frau, ob ich hinter ihrem Haus mein Zelt aufschlagen durfte“, erzählt er. Nach langem Hin und Her, landet er im Vorgarten des Nachbarn, der ihm prompt kühles Wasser bringt und wenig später eine kleine Pizza. Am nächsten Tag lädt ihn sein „Vermieter“ auch noch zum Frühstück ein.
Doch der 69-Jährige hat auch ganz andere Erinnerungen. Nahe der bulgarischen Stadt Burgas, rund 600 Kilometer vor Istanbul, rast Siegfried Scheicht entspannt eine steile Straße hinab. Hinter ihm ein Bus, dessen Fahrer ungeduldig hupt und ihn schließlich – trotz Gegenverkehrs – überholt. Das Manöver hat Folgen: Der Bus drängt ihn von der schmalen Straße ab, und das Fahrrad holpert mit 40 Stundenkilometern durch ein Schotterbett. Der widerwillige Schwenker endet in einem schweren Sturz. Mit aufgeschlagenem Knie und ein paar Prellungen greift Scheicht dann für die verbleibende Strecke auf öffentliche Verkehrsmittel zurück.
Heute sitzt der frühere Inhaber des Geschäftes „Fernseh Scheicht“ an der Alexanderstraße erholt und wieder gesund auf der Terrasse seines Hauses in Ofenerdiek. Und er schmiedet schon wieder Pläne für seine nächste Fahrradtour. „Am Nordkap war ich nun ja schon. Wer weiß, vielleicht verschlägt es mich als nächstes nach Santiago de Compostela in Spanien“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln.
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