Helmpflicht für Radler in Oldenburg ohne Fürsprecher
Verkehr Selbst Neurochirurgen skeptisch – ADFC-Sprecher nennt die Idee Ramsauers „dämlich“
von Thorsten Kuchta
Oldenburg - Verkehrsminister Peter Ramsauer stößt mit seiner Idee einer Helmpflicht für Radler in der Radfahrerstadt Oldenburg auf wenig Gegenliebe – nicht einmal Neuro- und Unfallchirurgen, die verunglückte Radler behandeln, können seinen Argumenten lückenlos folgen.
Dr. Frerk Meyer, Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik im Evangelischen, sagte auf Anfrage der NWZ, dass ein Teil der schweren Kopfverletzungen, mit denen er und seine Kollegen im Klinikalltag konfrontiert würden, mit dem Tragen eines Helms hätten vermieden werden können – aber nur ein sehr geringer. So weit die Erfahrung – die Datenlage aus wissenschaftlichen Erhebungen sei uneinheitlich. Während ältere Literaturquellen von einer möglichen Reduzierung der Kopfverletzungen durch Helme bis zu 90 Prozent ausgehen, kämen jüngere Studien zu wesentlich geringeren Raten.
Allerdings: Aufklärung allein führe nicht unbedingt zu mehr behelmten Radlerköpfen („selbst unter Neurochirurgen trägt weniger als die Hälfte einen Fahrradhelm“). Andererseits sei zu bedenken, dass die Aufmerksamkeit der Radler im Verkehr sinken könne, wenn die sich wegen des Helms in trügerischer Sicherheit wiegten, meint der Neurochirurg. Und: Andere Maßnahmen zur Gefahrensenkung wie der Ausbau von Radwegen könnte durch die Helmpflicht, quasi als Feigenblatt, in den Hintergrund gedrängt werden. Meyer selbst geht trotz aller Gegenargumente mit gutem Vorbild voran: „Ich selbst trage (fast) immer einen Fahrradhelm“.
Bei der Interessenvertretung der Radler findet man zu Ramsauer deutliche Worte: Gernot Lucks, Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) sagte der NWZ : „Ich frage mich, wie man als Minister mit so dämlichen Forderungen an die Öffentlichkeit gehen kann.“ Der Versuch, eine Helmpflicht einzuführen, lade die Verantwortung bei den Radlern ab, die Opfer des Autoverkehrs seien. „Man muss das mal so hart sagen“, meint Lucks: „Wer als Radler unter einen abbiegenden Lastwagen gerät, hat auch mit einem Helm keine Chance“. Um schwere Radunfälle zu vermeiden, seien andere Maßnahmen gefragt: Grundsätzlich Tempo 30 innerorts („wer als Radler einen Unfall mit einem Auto hat, kann bei diesem Tempo überleben, bei 50 eher nicht“) und Assistenzsysteme für Lastwagen, damit die Fahrer Radler beim Abbiegen nicht mehr übersehen. Auch für Kinder biete ein Helm nur trügerische Sicherheit: Fahrradhelme seien kein Integralhelm, ihre Schutzwirkung mangelhaft.
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Die Polizei sieht das nicht so eindeutig: Man empfehle das Tragen eines Helms, sei aber skeptisch gegenüber einer Pflicht, sagte Markus Scharf, Sprecher der Polizeiinspektion Oldenburg/Ammerland. „Wir halten eine gesetzliche Regelung nicht für erforderlich, unter anderem, weil es sehr schwer sein wird, das zu kontrollieren – vor allem bei strafunmündigen Kindern“. Ohne Sanktionsmöglichkeiten laufe eine solche Pflicht ins Leere.
Die Stadt will sich nach den Worten von Stadtsprecher Andreas van Hooven nicht positionieren. „Diese Frage muss gesamtgesellschaftlich geklärt werden.“ Man könne zudem nicht einseitig Forderungen erheben, wenn Mitarbeiter anderer Behörden es kontrollieren müssen.“
Eine Befürchtung teilen alle Kritiker: Dass viele Radler angesichts einer Helmpflicht das Rad stehen lassen würden. Folgen: Mehr Verkehr, mehr Abgase, weniger positives für die Gesundheit.
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