Auswanderer:
Mit 17 Mark hinaus in die Welt

Wolfgang Hespe: Schuhputzer im Ritz und Betonbauer in Schweden

Mehr als 30 Länder hat der Vareler in seinem turbulenten Berufsleben kennengelernt. Zurück in der Heimat, sucht der 68-Jährige neue Herausforderungen.

Varel Ein großes Foto von Elvis Presley hängt in der kleinen Wohnung von Wolfgang Hespe in Varel. Er war mit seinem Vater und Schulkameraden dabei, als Elvis 1958 in Bremerhaven ankam. Erstmals wehte dem damals Zwölfjährigen dort der Duft der großen weiten Welt um die Nase. In mehr als 30 Ländern war der heute 68-Jährige seitdem, hat als Schuhputzer im Ritz, als Betonbauer in Schweden und auf dem Flughafen in Teneriffa gearbeitet.

„Ich bin ein Genießer“, sagt Wolfgang Hespe, immer auf der Suche nach etwas Neuem, etwas Besserem. 1964, zwei Wochen vor Abschluss seiner Lehre zum Tabakwarenkaufmann, ging er mit 72 Mark in der Tasche weg aus Varel.

Schuhe putzen im Ritz

Erste Station war Paris, wo er im Luxushotel Ritz nachts als Schuhputzer und Portier arbeitete. Dort lernte er eine Frau kennen, der er nach London folgte. Dort gefiel es ihm jedoch nicht und er fuhr mit einem Seemann, den er dort kennengelernt hatte, weiter nach Schweden, wo er ein halbes Jahr bei einem Betonbauer arbeitete. Wie so oft in seinem Leben war es eine Frau, die ihn bewog, wieder in ein anderes Land zu ziehen. Diesmal ging es nach Teneriffa. Wolfgang Hespe arbeitete dort einige Monate auf dem Flughafen.

Völlig abgebrannt

Die Liebe hielt nicht lange und Hespe zog es wieder nach Paris, von dort aus nach Montreal und nach kurzer Zeit wieder nach Paris. Völlig abgebrannt blieb ihm dort nichts anderes übrig, als sich bei der Botschaft zu melden, die seinen Vater informierte, der ihm Geld für die Heimreise nach Varel schickte.

„Sonnabends kam ich in Varel an und in der Woche drauf habe ich schon bei einer Werft als Schweißer angefangen“, erinnert er sich. Nach einigen Aushilfstätigkeiten fand er Ende der 60er Jahre seinen Traumjob: Fernfahrer im internationalen Kühlverkehr. Viereinhalb Jahre brachte er Fleisch nach Griechenland und Obst und Gemüse wieder mit zurück.

„Linie“ nach Polen

Wieder war es eine Frau, wegen der er den Job aufgab. Er ging mit ihr nach Wien und später nach Berlin, wo er als Bus- und Taxifahrer arbeitete. Ende der 70er Jahre kam er wieder nach Oldenburg, arbeitete dort 15 Jahre als Berufskraftfahrer und war in vielen Ländern Europas unterwegs, fuhr unter anderem „Linie“ nach Polen, Ungarn und Portugal. Mehr als 18 Jahre hat er als Berufskraftfahrer gearbeitet, dabei 4,5 Millionen Kilometer zurückgelegt.

Eine Wende in sein Leben brachte Ende der 80er Jahre sein erster Computer. „Der Computervirus veranlasste mich, den Beruf zu wechseln“, sagt er. Mit eigenen Anwendungen wurde Hespe zuerst Versandleiter und später Fuhrparkleiter. Zum Ende seines Arbeitslebens kam er kurz zurück zu seinen Wurzeln und arbeitete in einer Raucherlounge in Bremen.

Vor einem halben Jahr zog er wieder in seine Heimat Varel. Er blickt zurück auf vier Ehen und viele Beziehungen, unzählige Jobs und viele Begegnungen mit Menschen in aller Welt, wobei ihm besonders die Griechen ans Herz gewachsen sind. „Sie sind die ehrlichsten und bodenständigsten Menschen, die ich kenne“, so Hespe.

Durchstarten mit 68

Der 68-Jährige möchte nicht nur in seinen Erinnerungen leben, sondern jetzt in Varel noch einmal richtig durchstarten – mit einem neuen Job und einer neuen Frau.

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