Orkan:
Mutter nach Unfall querschnittsgelähmt

Helmut Hillen erinnert sich: „Das halbe Dach war abgedeckt, Fensterscheiben zersplittert“

Am 13. November 1972 fegte ein Orkan über das Land und die Stadt Friesoythe. In folgendem Beitrag erinnert sich NWZ -Leser Helmut Hillen von der Schwaneburger Wieke an den Tag.

Friesoythe „An diesem Tag besuchte ich morgens als 15- Jähriger die zehnte Klasse der Realschule in Friesoythe. Der Schulbus fuhr trotz Wind pünktlich. Im Laufe des Vormittags entwickelte sich der Wind zum Orkan, so dass die Leiter der Hauptschule und der Realschule sich entschlossen, die Kinder früher nach Hause zu schicken. Da ich als einziger Realschüler aus Schwaneburgermoor den Hauptschul-Bus benutzen musste, dieser aber erst in einer Stunde fahren sollte, entschloss ich mich, die 6,5 Kilometer lange Strecke zu laufen. An der Schwaneburger Straße passierte es. Der erste Baum fiel auf die Straße, ich blieb unverletzt und wählte einen Sicherheitsabstand von 80 Metern zur Straße.

Zuhause erschrak ich zutiefst. Das halbe Dach war abgedeckt, rundherum lagen Dachpfannen, Fensterscheiben waren zersplittert und ein 5000-teiliges Puzzle, das im Obergeschoss auf einer Tischtennisplatte montiert war, lag auf dem Nachbargrundstück.

Meine Mutter, die eigentlich hätte zu Hause sein müssen, war nicht da. Ich erkundigte mich bei Nachbarn nach ihr, aber niemand konnte mir etwas Konkretes sagen. Eine Nachbarin hätte allerdings gehört, dass Mama einen Unfall während ihrer letzten Fahrstunde gehabt habe. Ich rief daraufhin im Krankenhaus Friesoythe an, um mich zu erkundigen und erhielt nach intensivem Nachfragen die Bestätigung, dass meine Mutter nach einem Autounfall jetzt auf einer Station liegen würde. Die Frage nach ihrem gesundheitlichen Zustand beantwortete mir die Schwester wörtlich mit: Ihre Mutter lebt noch. Später stellte sich heraus, dass sie mit dem Fahrschulfahrzeug auf der B 72 in Richtung Cloppenburg als Fahrschülerin am Lenkrad saß. Fahrlehrer Julius Kock saß neben ihr und zwei weitere Schüler saßen auf der Rückbank. In Vordersten Thüle stürzte eine Eiche auf den Fahrschulwagen. Der Fahrlehrer wurde dabei getötet, meine Mutter war eingeklemmt und die beiden hinten sitzenden Personen kamen unverletzt davon.

Sofort kam Hilfe von Mitarbeitern der Straßenmeisterei, die versuchten, meine Mutter aus dem Fahrzeug zu ziehen. Einer schnell herbeieilenden Anwohnerin (Frau Preuth) hatte meine Mutter es zu verdanken, dass ihre Verletzungen nicht noch schlimmer geendet haben.

Nachdem meine Mutter Minna Hillen ins Krankenhaus nach Friesoythe, anschließend nach Hannover und von dort mit dem Hubschrauber nach Berlin geflogen wurde, stellte sich eine inkomplette Querschnittslähmung durch Beschädigung eines Brustwirbels heraus.

In der Zeit des Krankenhausaufenthaltes wurde unser Haus unter Polizeischutz gestellt. Wir Kinder, mein älterer Bruder Robert und meine jüngere Schwester Gunda und ich kamen mit unserem Hund Wello für sechs Monate zu einer Pflegefamilie nach Friesoythe. Unser kleines Kolonialwarengeschäft mussten wir aufgeben, denn unser Vater war schon vor Jahren (1967) verstorben. Unsere Mutter hat bis zu ihrem Tod am 24. Dezember 2009 nie geklagt. Sie hat ihr Schicksal mit Geduld ertragen und mit Hilfe jahrelanger Gymnastik ein zufriedenes Leben geführt.“


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Mutter nach Unfall querschnittsgelähmt
Am 13. November 1972 fegte ein Orkan über das Land und die Stadt Friesoythe. In folgendem Beitrag erinnert sich Ð -Leser Helmut Hillen von der Schwaneburger Wieke an den Tag.
http://www.nwzonline.de/friesoythe/mutter-nach-unfall-querschnittsgelaehmt_a_1,0,2087973087.html
03.11.2012
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