Fußball -
Lautes Profigeschäft hielt kurz inne

Robert Enke nahm sich 2009 das Leben – Nationaltorwart von Depressionen geplagt

Nur wenige Personen wussten von der Krankheit des Fußballers. Dieser hatte den Weg in die Öffentlichkeit gescheut.

Hannover Es ist der Abend des 10. November 2009, als die schillernde Welt des Profifußballs schlagartig aus den Fugen gerät. Robert Enke hat sich im Alter von 32 Jahren von Depressionen geplagt auf den Bahngleisen nahe seines Wohnortes Empede bei Hannover das Leben genommen. Der Nationaltorwart wurde von einem Zug überrollt. Der Freitod des beliebten Keepers bringt das Millionengeschäft Fußball tagelang zum Stillstand.

„Fußball ist nicht alles. Denkt nicht nur an den Schein, Fußball darf nicht alles sein. Man darf nicht nur wie besessen Höchstleistungen hinterherjagen“, sagte der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger bei der Trauerfeier vor fast 40 000 Menschen im Stadion des letzten Enke-Clubs Hannover 96.

Enkes Tod erschütterte in Deutschland viele Menschen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sagte ein Länderspiel ab, Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte ihr tiefes Mitgefühl mit einem persönlichen Brief an die Witwe Teresa Enke, und auch aus der europäischen Sportwelt kamen zahlreiche Trauerbekundungen. Noch nie wurde eine derart prominente Person so dramatisch zum Opfer seiner Krankheit, noch nie wurde die Fassade von den starken „Helden des Sports“ so eingerissen.

Während seiner Karriere hatte kaum jemand von Enkes psychischer Erkrankung erfahren, wegen der er 2003 erstmals behandelt wurde. Enke spielte vor seinem Wechsel nach Hannover 2004 in Mönchengladbach, Barcelona, Lissabon, Istanbul und Teneriffa – doch nur seine Familie und enge Vertraute waren eingeweiht in die innere Zerrissenheit und die Dunkelheit, die sich immer wieder auf seine Seele legte. Zu groß war die Angst des Keepers, in seinem Leid nicht verstanden zu werden und auf Ablehnung zu stoßen.

Den Schritt in die Öffentlichkeit habe Enke aus Angst vor möglichen Konsequenzen gescheut, sagte Teresa Enke bei einer Pressekonferenz am Tag nach dem Tod ihres Mannes: „Er fürchtete, man könnte uns unsere Adoptivtochter Leila wegnehmen, wenn bekannt würde, dass er depressive Phasen hat.“ Das Paar hatte noch ein halbes Jahr vor Enkes Tod ein Kind adoptiert, nachdem die leibliche Tochter Lara 2006 im Alter von zwei Jahren aufgrund eines angeborenen Herzfehlers verstorben war.

Oberflächlich betrachtet, hat sich in der vom Leistungsgedanken geprägten Fußball-Welt seit Enkes Tod am 10. November 2009 nur wenig verändert. Doch einige Entwicklungen und Zwischentöne machen auch Hoffnung. „Ich denke nicht nur an den tragischen Tod, sondern auch an die vielen positiven Dinge, die danach geschehen sind: Spieler konnten sich outen, Sportler haben sich helfen lassen“, sagte Enkes engster Freund, der ehemalige Fußball-Profi Marco Villa, kürzlich der „Bild“-Zeitung: „Vielen Sportlern hat dieses Ereignis geholfen, es wurde ein Tabu gebrochen.“

Ein prominentes Beispiel ist Markus Miller. Der aktuelle Reservetorhüter von Hannover 96 wählte mit einer bewegenden schriftlichen Stellungnahme im Herbst 2011, zwei Jahre nach dem Freitod Enkes, den Weg in die Öffentlichkeit und begab sich wegen „mentaler Erschöpfung“ in stationäre Behandlung. Nach seinem Burn-out kehrte er wenige Monate später zurück auf den Fußballplatz.

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