15.01.2016

Interview
„Wir brauchen einen Boris Becker“

Der Bremer (41) erwartet einen Dart-Boom in Deutschland. Ein Weltklasse-Spieler fehlt hierzulande allerdings noch.

Oliver Bloch

Der Bremer (41) erwartet einen Dart-Boom in Deutschland. Ein Weltklasse-Spieler fehlt hierzulande allerdings noch.

Frage: Sie waren zwei Wochen mitten im Spektakel des Alexandra Palace. Haben Sie schon Entzugserscheinungen oder sind Sie noch auf „180“?

Tomas Seyler: Ehrlich gesagt, das Abschalten fällt mir schwer. Während der WM konnte ich meine Leidenschaft am Mikrofon voll ausleben, aber bis zu acht Stunden täglich zu kommentieren, nimmt einen körperlich und emotional schon sehr mit.

Frage: Über den Jahreswechsel befand sich Deutschland im Dart-Fieber. Wie erklären Sie sich diese Begeisterung?

Seyler: Darts ist ein unheimlich schnelles Spiel. Starke fünf Minuten eines Akteurs können ein Duell rasch kippen lassen. Hinzu kommen diese Party-Atmosphäre im Ally Pally und natürlich der günstige Zeitpunkt. Es findet ja über den Jahreswechsel sonst kaum etwas statt, so dass alle Darts schauen.

Frage: Selbst ein Fußballverein wie der VfB Oldenburg hat vor Kurzem eine Dart-Abteilung gegründet…

Seyler: Oh, erstaunlich.

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WM-Teilnehmer

Tomas Seyler (41) kommentiert Dart-Turniere für den Fernsehsender Sport 1. Der gebürtige Bremerhavener war mehrmaliger deutscher Meister und viele Jahre die nationale Nummer eins. Auch an der WM des Verbandes PDC in London nahm er mehrmals teil und erreichte 2006 die zweite Runde. Der gelernte Kaufmann wohnt in Bremen. Im Deutschen Dart-Verband sind rund 11 000 Spieler organisiert. Der DDV ist Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund. BILD: Sport 1/Nadine Rupp


     www.deutscherdartverband.de 

Frage: Rechnen Sie hierzulande mit einem Boom?

Seyler: Ich rechne stark damit. Darts ist doch wie Golf für die Arbeiterklasse. Die Erstausstattung ist so teuer wie ein Paar Fußballschuhe, hält aber Jahre. Darts schult zudem die Konzentrations- und Rechenfähigkeit sowie den Teamgeist.

Frage: Aber die Deutschen sind in London alle in der ersten Runde ausgeschieden.

Seyler: Uns fehlt ein Mini-Becker, der – wie einst Boris im Tennis – in die Weltspitze vordringt. Wir müssen den Respekt vor den starken Niederländern, Engländern und Schotten verlieren.

Frage: Was haben uns diese Nationen voraus?

Seyler: Sie haben ganz andere Strukturen. Die Spieler werden dort gefeiert wie Popstars. Die bedeutenden Turniere finden in England statt. Und die Sponsoren spielen eine wichtige Rolle. Beim Darts steht ein Spieler oft 90 Minuten im Rampenlicht, da ist die Werbewirkung im Fernsehen extrem hoch. Aber was das betrifft, sind wir auf dem richtigen Weg. Wir sind eine Nation von Weltmeistern, und irgendwann wird es auch mal ein Deutscher schaffen. Schon jetzt haben viele Außenseiter enorm aufgeholt.

Frage: Spötter sagen, Pfeilewerfen ist doch kein Sport.

Seyler: Sicher sind die meisten von uns keine Modellathleten, aber das sind Sumoringer oder Gewichtheber auch nicht. Dennoch handelt es sich um ein rasantes Spiel, bei dem, wie gesagt, hohe Konzentration erforderlich ist. Wir sollten uns aber auch nicht zu ernst nehmen. Darts bleibt eine Sportart mit hohem Spaßfaktor und ist keine Konkurrenz zum Fußball.

Frage: Fast alle Darter verfügen über Spitznamen. Sie selbst laufen als „Shorty“, der Kleine, in die Arena ein. Klingt nicht gerade furchteinflößend.

SEyler: Nein, aber den Namen bekam ich als Neunjähriger verpasst. Ein Zwei-Meter-Mann stolperte nach einem Spiel über mich und sagte zu meinem Vater: ,Räum doch mal den Shorty aus dem Weg.’ Mit meinen 1,85 Meter kokettiere ich jetzt eben damit.

Frage: Sie haben gegen die Stars der Szene geworfen. Kribbelt es noch in den Fingern, wenn Sie am Mikrofon sitzen?

Seyler: Ja, klar. Darts ist ein Sport ohne Altersgrenze. In erster Linie bin ich aktiver Spieler, habe aber diesmal leider die Qualifikation zur WM verpasst. Das ärgert mich, weil unsere Sportart gerade jetzt boomt und die Preisgelder in die Höhe gehen. Aber ich werde wieder angreifen.

Frage: Was zeichnet einen Weltklassespieler aus?

Seyler: Vor allem die Gelassenheit. Man hat es dieses Jahr bei Titelverteidiger Gary Anderson gesehen. Darts ist für ihn so selbstverständlich, der macht sich am Board keinen Kopf. Ähnlich Altmeister Raymond van Barneveld. Wie cool der bis zum Halbfinale seinen Matchplan durchgezogen hat, war beeindruckend.

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