9. November 1989:
„An diesem Tag habe ich geweint“

DDR-Flüchtling Reiche erlebt Mauerfall hautnah – Ehrentitel für ehemaligen Lehrer

Der Bremer hält den ersten Jubel über die Freiheit für Begleiterscheinungen eines Fußballspiels. Die Menschen liegen sich in den Armen.

Berlin Wolfgang Reiche muss lachen: „Bananenverkäufer verschenkten ihre Früchte an die Menschen-Massen.“ Wie eingebrannt sieht der Bremer noch diese Szenen vom 9. November 1989 auf dem Berliner Ku’damm vor sich. DDR-Bürger strömen unter den gerade hochgegangenen Schlagbäumen in den Westen. „Mein einfach glücklichster Augenblick“, nennt der heute 65-Jährige diese Nacht des Mauerfalls – spiegelt sich darin doch sein persönliches Schicksal. Ein Leben, zerrissen wie die 40 Jahre dauernde deutsche Teilung.

Dramatische Flucht

Aus der DDR 1964 geflohen, muss Reiche sechs Geschwister und die Eltern in Gotha zurücklassen, findet im Nordwesten Deutschlands eine neue Heimat. Und nun dieser 9. November – „einfach unglaublich“, schildert der Ex-Lehrer, der als einer von wenigen den Titel „Gestalter der Einheit“ trägt, seine Gefühle. „Ich habe geweint.“

Fast hätte der gebürtige Thüringer die historischen Stunden verpasst. Denn erst an diesem 9. November kehrt der begeisterte Radwanderer mit dem Paris-Moskau-Express nach Deutschland zurück. Hinter ihm: 9000 Kilometer auf der chinesischen Seidenstraße per Fahrrad. Schon an der polnisch-ostdeutschen Grenze merkt Reiche, dass etwas anders ist. Kaum Kontrollen. Gegen 22 Uhr auf dem Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße hört der Reisende Stimmen von anderen Bahnsteigen. Leute jubeln. „Wir haben aber nichts gesehen wegen der Sichtblenden“, so Reiche: „Ich dachte noch: Ein Fußballspiel ...“ Wenige Kilometer weiter am West-Bahnhof Zoo nach 23 Uhr „war die Hölle los. Menschen lagen sich in den Armen. Überall Trabis. Sämtliche Telefonzellen besetzt, weil die DDR-Bürger zu Hause im Osten anriefen: Was meinst Du, von wo aus ich telefoniere? Es gab kein Durchkommen mehr auf den Straßen.“

Auch Reiche versucht, seine Familie in Gotha zu erreichen. Vergebens. Das Netz ist zusammengebrochen. So gern hätte er mit Geschwistern und Eltern gefeiert. Diese wussten am 6. und 7. Oktober 1964 nicht, was der damals 17-Jährige vorhatte. Der Schüler fuhr mit seinem Moped in den Süd-Harz – dort gab es unverminte Stellen an der Todesgrenze zum Westen. Vorbei an dem kleinen Nest Netzkater im Sperrgebiet tastet sich der Schüler auf Forstwegen Richtung Bundesgebiet. Frühmorgens um 4 Uhr läuft Reiche los. Immer in Angst vor DDR-Grenzern. „Fast hätte ich aufgeben“, erzählt Reiche: „Mein einziger Kompass war: Wo die Sonne untergeht, ist der Westen.“ Mit Spezialhandschuhen überwindet der Flüchtling die messerscharfen Drahtzäune.

„Plötzlich gingen Sirenen los, Leuchtraketen hoch und Lautsprecher an.“ Reiche rennt um sein Leben. „Auf einmal hatte die Straße eine andere Oberfläche. Und dann dieses Schild: Grenzschutzamt Braunschweig.“ Gerettet.

„Gestalter der Einheit“

Erst 1972 darf der DDR-Flüchtling seine Familie wiedersehen. Auch ein Bruder hat versucht zu fliehen, landet im Gefängnis. Trotzdem versucht sich der Bremer als West-Ost-Brückenbauer. Mit dem Fahrrad. 1987 startet der Pädagoge das „Projekt Gastfreundschaft“ – gegenseitige Quartiere für Radfahrer. Motto: „Dachgeber“. Kaum ist die Mauer gefallen, umfasst die Liste des Weltenbummlers, der selbst 73 000 Kilometer auf allen Kontinenten zurückgelegt hat, 700 West- und 3000 Ost-Adressen. Reiche: „Gerade für die DDR-Bürger, die nicht viel Geld hatten, war die Botschaft verlockend: Ihr könnte im Westen umsonst schlafen, wenn ihr mit dem Rad kommt.“ Da stellte mancher Ossi seinen Trabi eben um die Hausecke ab, holte ein Rad vom Dach und radelte nur die letzten Meter. „Aber auch Wessis fuhren plötzlich in den Osten“, schildert der Ex-Lehrer die bewegte Zeit. „Sie haben dort unglaubliche Freundschaften erlebt.“

Der Brückenschlag hält bis heute. Jährlich veranstaltet Reiche West-Ost-Touren. Mit großer Resonanz. Den 20. Jahrestag des Mauerfalls feierte der Bremer mit vielen Mitradlern in Rostock.

Und in diesem Jahr? „Da geht’s nach Gotha zu meinem 88-jährigen Vater“, sagt Reiche, der 1989 den Ehrentitel „Gestalter der Einheit“ vom Land verliehen bekam: „Wir machen an diesem 9. November natürlich eine Radtour durch Thüringen.“

Leserkommentare

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  thomas-w-schmidt 09.11.2012, 13:58:24
Mit innerdeutscher Grenze und Mauer im Rücken agierten die Mächtigen ...

Schon 1964 waren Mauer und innerdeutsche Grenze kaum zu überwinden. Übersteig- und Unterkriechschutz, stille Bewacher in Zivil, etabliert in Sperrzonen Berlins, machten die Flucht so gut wie unmöglich.
Touristen, die z. B. per Bahn nach Eisenach reisten, wurden schon in Gotha kontrolliert – man verlangte nicht nur die Fahrkarte, sondern auch den Personalausweis. Auf Wanderwegen weit vor den Grenzgebieten waren freiwillige Grenzhelfer aktiv. Sie handelten nach dem Motto: Vetrauen gut, Kontrolle besser. Dennoch gelang dem einen oder anderen der „Sprung über den Draht“. Jede geglückte Flucht veranlaste die DDR-Behörden, die weitere Grenzsicherung voranzutreiben, und zwar auf 1500 Km innerdeutscher Grenze und 150 Km Mauer in Berlin – in Milliarden - ein Schlag in das Kontor der DDR-Wirtschaft bis zum bitteren Ende. Literatur: “Im Auftrag des Großen Bruders“.
Der „antifaschistische Schutzwall“ diente natürlich nicht nur der Abschottung der Bevölkerung vom Westen, sondern auch militärstrategischen Zielen.
Die Tränen des Zeitzeugen Herrn Reiche sind gut zu verstehen.
Wichtig ist, dass die junge Generation geschichtlich auf dem Laufenden gehalten wird.


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