Afghanistan
Angst vor „Wettlauf zum Ausgang“
Abzug der Internationalen Kampftruppen teuerste Aktion der Geschichte – NATO in Sorge
Abzug der Internationalen Kampftruppen teuerste Aktion der Geschichte – NATO in Sorge
BERLIN War Theodor Fontane ein Hellseher? „Zersprengt ist unser ganzes Heer, Was lebt, irrt draußen in Nacht umher, Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt, Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt“, schrieb der großartige Dichter schon im 19. Jahrhundert in seiner traurigen Ballade über Afghanistan. Heute stehen die Kampftruppen der Internationalen Friedensmission (Isaf) mit 130 000 Soldaten vor dem kompliziertesten und teuersten Abzug der Geschichte: Bis Ende 2014 werden 1300 Feldlager am Hindukusch aufgelöst, 122 000 Container das Land verlassen und 70 000 Fahrzeuge abgezogen.
Drei Jahre lang und alle sieben Minuten müsste ein Container die afghanische Grenze passieren, um den Zeitplan zu halten, haben NATO-Planer ausgerechnet. Aneinandergereiht bilden die Laster eine Schlange von fast 2000 Kilometern – ein Mega-Stau, der von Oldenburg bis fast vor die Tore Moskaus reichen würde.
Ein logistischer Albtraum – begleitet von Taliban-Kämpfern, Warlords und Organisierter Kriminalität am Wegesrand. Geschätzte Kosten laut NATO: ein mehrstelliger Milliardenbetrag.
Private Spediteure reiben sich schon die Hände. Knapp 4000 Euro kostet der Transports eines Standard-Containers vom Hindukusch nach Deutschland. Die Preise dürften explodieren. Wichtiges Kriegsgerät wie deutsche Panzerhaubitzen und Munition können teilweise nicht über Land transportiert werden. Für den Luftweg stehen weltweit rund 30 riesige Antonow-Maschinen in Russland und der Ukraine bereit. Preis pro Flug: zwischen 250 000 und 300 000 Euro. Die absehbare Nachfrage wird die Frachtraten vervielfachen. Russische Firmen wittern ein Bombengeschäft.
Auch die Nachbarländer halten die Hand auf. Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Russland und Pakistan lassen sich die Überflugrechte und Transitgenehmigungen teuer bezahlen. Pakistan plant eine Sondersteuer pro Container von 1200 Euro – natürlich noch auf den Transportpreis.
Die Bundeswehr will laut Bundeswehr-Zeitschrift „Loyal“ die Antonows in der Hauptphase des Abzugs täglich von Masar-i-Scharif zu einem Flughafen am Persischen Golf oder am Schwarzen Meer pendeln lassen. Dort sollen Waffen, Munition, Fahrzeuge und Panzer per Frachtschiff nach Deutschland ablegen. Voraussichtlicher Zielhafen: Emden.
Die deutschen Soldaten verladen gewaltige Mengen. 6000 Container kommen zurück nach Deutschland plus 1700 Fahrzeuge. Ein Großteil geht auf dem Land- und Schienenweg in die Heimat. Doch die deutschen Soldaten stehen vor einem gefährlichen Problem. Durch ihr Gebiet im Norden werden auch viele Transporte der Verbündeten laufen. Bei drei funktionsfähigen Grenzübergängen und einer Eisenbahnstrecke nach Usbekistan droht ein Verkehrschaos auf den sowieso schon völlig überlasteten und schlechten afghanischen Zufahrtsstraßen. Dazu herrscht Angst vor Überfällen auf die Abmarsch-Kolonne durch Kriminelle wie aufständische Taliban. Verheerend, wenn sich immer wieder Selbstmordattentäter zwischen den Kolonnen in die Luft jagen.
Doch auch politisch kann es für die Deutschen im Norden ungemütlich werden. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) warnt andere vor einem überhasteten Abzug. Motto: „Schnell raus aus Afghanistan“. Das würde die Lage in Nordafghanistan noch verschärfen. Doch es herrscht Unruhe bei den 26 NATO-Staaten und den 22 Partnerländern. Längst ist vom „Wettlauf zum Ausgang“ die Rede.
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Über den Autor
Gunars Reichenbachs
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